Chapter 1
1895, Amerika, USA, Virginia, Radford.
Der staubige Feldweg, der vom See bis zu der kleinen Stadt Radford führte war hart und trocken. Der stickige laue Wind wehte dumpf darüber hinweg und wirbelte kleine Staubwölkchen auf. Die Luft war schwül und warm. Die Felder neben dem Weg lagen brach und waren verdorrt.
Am Himmel hingen dicke schwarze Wolken. Langsam bewegten sie sich über das Land hinweg und tauchten alles in einen grauen Schatten.
Das Gras am Wegrande war gelb und vertrocknet. Der kleine Bach war nur noch ein dünnes Rinnsal.
Der dunkle Wald am Rande der Stadt türmte sich mächtig und bedrohlich auf.
In einem Schaukelstuhl auf der Veranda eines kleinen Hauses am Stadtrand saß ein junges Mädchen von etwa 17 Jahren. Sie hatte das dunkle Haar zu einem kunstvollen Knoten hochgesteckt und trug ein zartrotes Kleid, das ihren schlanken Körper wie eine zweite Haut bedeckte. Das junge Mädchen hielt ein Buch in den Händen und hatte den Blick auf die vielen Zeilen gerichtet.
Die dunkelgrünen Augen huschten hin und her und sogen den Inhalt des Buches auf. Das Mädchen trug außerdem keine Schuhe, diese standen vor der Türe, die in das Haus hineinführte. Das dunkelhaarige Mädchen las konzentriert und stumm, sie schaute kein Mal auf und wippte, mit dem Schaukelstuhl, leicht vor und zurück.
Plötzlich kam eine Bewegung in das Mädchen, sie hob den Kopf und schaute gen Himmel. Mit einem lauten Knall schlug sie das Buch zu und erhob sich.
Sie war nicht sehr groß und hatte ein zierliches Gesicht. Feine Züge verfeinerten ihre Wangen und die Mundwinkel. Die Lippen waren voll und weich. Die Augenbrauen fein säuberlich gezupft und die Wimpern lang und schwungvoll.
„Miss Mc Allister?“ ertönte eine raue aber unterwürfige Stimme aus dem Haus. Das Mädchen wandte sich der Türe zu. „Ich bin hier draußen, Jim.“ Antwortete das Mädchen mit zarter noch kindlicher Stimme.
Die Türe öffnete sich und ein großer Farbiger trat heraus. Er war ärmlich gekleidet und hatte dennoch eine stolze Haltung. Seine Augen waren schwarz und schienen ins Nichts zu führen.
Jim neigte leicht den Kopf. „Miss Mc Allister, der Tee ist fertig.“ Begann er und wies mit einer freundlichen Geste ins Haus. „Vielen Dank, Jim.“ Erwiderte das Mädchen höflich und betrat das Haus. Jim folgte ihr und verschwand in der Küche.
Das Mädchen setzte sich an einen kunstvoll geschnitzten Tisch und warf einen Blick auf die Standuhr. Jim brachte auf einem silbernen Tablett eine Teekanne und eine Tasse herein. Er deckte alles vor Miss Mc Allister auf und verließ dann mit einer Verbeugung das Zimmer.
Das Mädchen trank vorsichtig einen Schluck von dem Pfefferminztee. Es war nur das Ticken der Standuhr zu hören. Wie jeden Abend war sie allein zu Hause. Ihr Vater war noch arbeiten.
Isabelle Mc Allister hatte mit bereits 4 Jahren ihre Mutter verloren. Seit jenem Tag vergötterte ihr Vater sie. Isabelle durfte tun was sie wollte. Sie hatte alles was ein Mädchen in ihrem Alter begehrte.
Sie durfte sogar reiten, was zu dieser Zeit nur Mädchen mit sehr reichen Eltern erlaubt war. Isabelles Vater war reich.
Er verdiente sehr gut und sie hatten auch einen eigenen Bediensteten. Jim. Für Isabelle war er jedoch mehr als ein Bediensteter, er gehörte zur Familie.
Isabelle hatte ihre Teetasse leer getrunken, sie stand auf und Jim kam schon herbei um abzudecken. „Möchten sie noch etwas Miss Mc Allister?“ fragte er. Isabelle schüttelte den Kopf. „Nein, vielen Dank Jim.“ Erwiderte sie und ging auf die Veranda zurück. Es war bereits Abend, doch die schweren Wolken ließen die kleine Stadt Radford noch finsterer aussehen.
Das Mädchen setzte sich zurück in den Schaukelstuhl, in dem Augenblick, da sie zu ihrem Buch greifen wollte, hörte sie ein lautes Heulen.
Es fuhr einem durch Mark und Bein und Isabelle hielt mitten in der Bewegung inne. Sie war wie erstarrt. Es war wieder eine Totenstille in der Stadt, aber diese Stille war anders. Sie verstärkte die drückende und schwule Luft.
Plötzlich sah sie am Horizont einen grellen Blitz herunter kommen, dem folgte ein lauter ohrenbetäubender Donner. Noch ein Grollen, die Luft war elektrisiert.
Dicke schwere Tropfen fielen langsam vom Himmel und klatschten auf die staubige Straße. Es wurden immer mehr Regentropfen, sie vermischten sich mit der trockenen Erde und verwandelten sie in Matsch.
Es wurde ein wahrer Wolkenbruch, der Himmel schien aufzureißen und entlud seine ganze eingespeicherte Sintflut auf einmal. Isabelle erhob sich langsam und starrte auf die Straße.
Sie hörte Pferdehufe aus dem eintönigen Prasseln des Regens heraus. Ein Pferd kam die Straße herauf. Isabelle trat an den Rand der Veranda und starrte durch die Regenwand. Endlich konnte sie ein kleines braunes Pferd erkennen. Doch sie sah keinen Reiter. Das Tier trabte verstört den Weg hinauf und wieherte schrill. Im Auge des Tieres konnte man das Weiße erkennen. Irgendetwas musste das Pferd zu Tode erschreckt haben. Isabelle befeuchtete sich die trockenen Lippen mit der Zunge und blickte weiter zu dem Pferd hinüber. Plötzlich sah sie den Reiter, er hing im Steigbügel. Das Pferd hatte ihn den ganzen Weg hinter sich her gezogen, bis in die Stadt hinein.
Das Mädchen versuchte zu erkennen, wer der Reiter war und lehnte sich etwas nach vorne. Sie erkannte eine junge Frau, vielleicht war sie verletzt. Isabelle ging in den Regensturm hinaus. Sie musste der Frau helfen. Doch kurz bevor sie das verängstigte Tier erreichte blieb sie stehen. Entsetzt riss sie die Augen auf und einer kurzen Stille folgte ein markerschütternder Schrei.
Isabelle stolperte zurück und fiel direkt in Jims Arme, der den Schrei des Mädchens gehört hatte. „Miss Mc Allister? Was ist passiert?“ fragte er und schaute auf das braune Tier. Dann entdeckte auch er die Reiterin, er erschrak und drängte Isabelle hinter sich, damit sie diesen Anblick nicht weiter ertragen musste.
Die junge Frau, die im Steigbügel, des Pferdes hing war schlimm zu gerichtet. Die Halsschlagader war zerfetzt und ein Arm abgerissen. Das rechte Bein, das im Steigbügel hing war gebrochen, der Knochen stand senkrecht aus der Haut heraus. Ihre Augen waren weit vor Angst und Schmerz aufgerissen. Der Mund, wie mitten im Schrei verstummt, weit geöffnet.
Sie war tot, von irgendwem oder irgendetwas schmerzvoll und erbarmungslos ermordet worden.