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Wallrunner - 16.02.2005 - 15:31
Die Karosserie der Jeeps war nicht nur rostbraun, sondern schien auch nur noch aus korrodiertem Metall zu bestehen, welches sich an einigen Stellen auch schon ganz abgenutzt hatte. Umso verwunderlicher war das Tempo, mit welchem der Fahrer, ein kleines verrunzeltes Männchen mit einem Sombrero, den Wagen über die Steppenstraße lenkte.
Der Lärm des Gefährtes schreckte alle Tiere im Umkreis von einigen Kilometern auf, und glich mehr einem Kreuzfahrtsschiff als einem vier Meter langen Jeep mit Überrollbügel, der bei jeder Bodenwelle ein Stück der Bodenplatte verlor. Auf der Rückbank des Wagens saßen zwei Männer in der Tracht eines Eingeborenenstammes, und zwischen ihnen ein von der Hautfarbe überhaupt nicht dazupassender weißer Mann mit einem riesigen Wanderrucksack. Diese Person mit dem Sonnenhut und der Sportsonnenbrille war Lukas, ein selbsternannter Kulturenbummler und Theologe. Sein Fahrer hieß Sanco, der außerdem der Besitzer dieses Luxusschlittens war, und sich als einziger in Kann’goja bereit erklärte hatte ihn zu fahren. Die anderen Wagenbesitzer taten so, als würden sie ihn nicht verstehen, sobald der Name des Dorfschamanen gefallen war.
Wallrunner - 17.02.2005 - 19:20
Die vollkommen ausgetrocknete Steppenerde war für den braunen Schleier verantwortlich, der sich den Weg in alle Ritzen und Spalten suchte, und den sichtbaren Teil den Wagens zu einer einfärbigen Einheit zusammenschweißte. So bewegte sich der braune Klumpen an vertrockneten Sträuchern und längst ausgetrockneten Steppengräsern vorbei, während die Sonne bereits den Horizont berührte und die Szene noch unwirklicher erschienen ließ, als sie ohnehin schon war.
„Jodienda!“, brüllte Sanco als hätte ihn ein Skorpion gestochen und rieß das Lenkrad herum. Der Jeep schlingerte kurz, streifte einen Strauchstrunk mit den Rädern und kippte schließlich seitlich weg. Er räumte noch einen Berg von Ästen Weg, und blieb schließlich in dem Erdhügel stecken, den er mit den Überrollbügeln vor sich hergeschoben hatte. Die Staubwolke des Aufpralls lag wie ein großes Leichentuch über dem Fahrgestell, und Sancos Sombrero segelte einige Meter daneben langsam zu Boden. Die Räder des Jeeps drehten sich noch langsam, doch war der Motorlärm verstummt, und eine alles umfassende Stille hatte sich über den Unfallort ausgebreitet. Es dauerte keine zehn Minuten, bis die ersten Tiere aus dem Gebüsch kamen, und sich vorsichtig dem auf der Seite liegenden Wagen näherten, auf dessen Unterseite sich ein Rinnsal gebildet hatte, welches unverkennbar nach Benzin roch.
Wallrunner - 21.02.2005 - 14:45
Unter dem Geländewagen war ein Röcheln zu hören, nur war es viel zu leise, um die Trommelschläge zu übertönen, die auf einmal hinter einer nahen Erderhebung eingesetzt hatten. Es waren langsame gleichmäßige Schläge, die langsam immer lauter wurden. Die Tiere waren schon längst alle geflüchtet, als der Eingeborene mit seiner fast mannsgroßen Rahmentrommel über dem Hügel auftauchte, und den Weg bis zum Jeep heruntertorkelte. Er trug ein Stirnband mit zwei abgeknickten Federn darin schräg über dem Kopf, sodass es sein eines Auge verdeckte, und die Federn vor seinem anderen Auge baumelten. Als Kleidung trug er eine zerfetzte Jean, und sein ganzer Oberkörper war mit unterschiedlichen farbigen Mustern überseht. Das einzige, was nicht herunterkommen aussah war die Trommel, die mit wunderschönen Gravuren und einer leuchtenden Bemalung versehen war.
Der Schamane brach kurz aus seinem Rhythmus aus, und wäre fast vorne über auf den Boden gefallen, doch rettete ihn ein Ausfallschritt im letzten Moment. Scheinbar irritiert blieb er dann auch gleich stehen, und legte die Trommel beiseite, bevor er der Länge nach auf einen umgefallenen Termitenhügel fiel. Er blieb dann einige Zeit bewegungslos liegen, bis er sich zur Seite rollte, und den auf der Seite liegenden Jeep fassungslos betrachtete.
Wallrunner - 23.02.2005 - 16:14
„Sann......schoo?!“, stieß der dann lallend hervor, und seine Augen weiteten sich. Auf allen Vieren kroch er zu dem Gefährt, und zog sich an der rostigen Wagenunterseite in die Höhe. Er hantelte sich Stück für Stück auf die andere Seite, doch bei seinem Versuch sich an dem u-förmig gebogenen Kennzeichen festzuhalten, ging er mitsamt einem Teil der Stoßstange zu Boden. Der Schamane lag jetzt direkt neben Sancos Füßen, mit dem Blick gegen Himmel, und einer braunen Erdschicht über dem Gesicht. Er begann leise zu singen, kaum wahrnehmbar, aber doch genauso da wie die Klänge des Windes im Steppengras.
Da legten sich auf einmal zwei Schatten über das Gesicht von Sknog dem Schamanen, und die beiden Eingeborenen Wegbegleiter von Sanco und Lukas standen über ihm. Der eine reichte ihm die Hand, während der andere die beiden Unfallopfer nacheinander auf seine Schultern hievte. Die Prozession setzte sich auch gleich wortlos in Bewegung, angeführt von Sknog, der mit seiner Trommel einen langsamen regelmäßigen Rhythmus schlug. So wanderten sie querfeldein, einer hinter dem anderen in die beginnende Dunkelheit hinein.
Wallrunner - 25.02.2005 - 11:31
Die flackernden Flammen des Lagerfeuers lernten den mehr als ein Meter hohen Halmen rund um die fünf Gestalten das Tanzen, was die Steppe in ein riesiges Fest zu verwandeln schien. Es war noch immer stockdunkel, und außer den Trommelschlägen waren nur hin und wieder die Herdenrufe von Wasser suchenden Antilopen zu hören.
Das Feuer brannte in einer frisch gegrabenen Erdmulde, um die sich die drei Eingeborenen gesetzt hatten. Lukas und Sanco lagen etwas abseits mit jeweils einem Tuch über der Stirn, welches mit symmetrischen roten Mustern bemalt war. Sknog spielte die Trommel mit geschlossenen Augen, während er mit seinem Oberkörper vor und zurückwippte, und leise Worte sprach, die aber nur an seinen Lippenbewegungen erkennbar waren. Mit seiner Musik veränderte sich jedoch auch die Umgebung, zuerst langsam und dann immer schneller, wie ein Strudel der jemand erfasst wurden die Farben aller Gegenstände, sogar der Erde, zu einem Brei zusammengetragen, der auf die Flammen zufloss. Es folgte eine Dunkelheit, die nur einen Augenblick dauerte, und doch so vollkommen war, als hätte sie jeden Lichtfunken im Keim erstickt.
Aber der nächste Augenblick brachte keine Stille mehr, sondern den Motorenlärm des Jeeps, welcher gerade mit dem rechten Vorderrad über einen auf dem Weg liegenden Ast raste. „Verdammt! Kannst du nicht langsamer fahren?!“, brüllte Lukas in Richtung des Sombreros, der sich gerade einige Zentimeter von Sancos Kopf gehoben hatte, aber trotzdem nicht davonflog. Der Mexikaner antwortete mit einem Tritt auf das Gaspedal, und grinste über beide Ohren, was bei seinem faltigen Gesicht sehr eigenartig wirkte. Die nächsten Minuten der Fahrt schossen in vier Sekunden vorbei, bis sich plötzlich Sancos Gesichtsausdruck veränderte. Er verzog seine Lippen zu einem schmerzverzerrtem Grinsen, presste ein „Jodienda!“ heraus, und genau zwischen diesem Ruf und dem verdrehen des Lenkrades, tauchte ein Schatten in seinen Augen auf. Es war kein Schatten des Sonnenlichts, sondern ein Schatten der aus seinem inneren herausbrach.
„Ahhhhhgrl....!“, mit diesem Schrei begann alles zu zerspringen. Die Farben vermischten sich mit einer Dunkelheit, der Aufprall des Jeeps verschmolz mit dem Lagerfeuer, und Sknog wand sich unter Krämpfen auf der ausgetrockneten Erde. Das letzte verschwimmen der Farben, gefolgt von einem markerschütternden Gekreische des Schamanen, brachte die Nacht und die Steppe zurück.
Wallrunner - 02.03.2005 - 13:27
Das Feuer war längst ausgegangen, als die Sonne die Landschaft in eine rot glühende Welt verwandelte. Die ersten Vögel schossen über die Steppe, und erzählten sich ihre Träume, aber um die Feuergrube war es noch immer still. Lukas lag zusammengerollt gleich neben einem kleinen Strauch, mit beiden Händen über seiner Stirn, während Sanco mit den Händen auf dem Rücken gefesselt noch in der selben Stellung lag wie am Abend davor. Beide waren gleich an mehreren Stellen mit einer Mischung aus Stoffstücken, dünnen Ästen und Seilen verbunden, welche teilweise durch und durch mit eingetrocknetem Blut getränkt waren.
Sknog lag fast mit dem Gesicht voran in der Asche und schnarchte gelegentlich kurz auf, sonst rührte er sich nicht.