von Sebastian Hammelehle
Als Popmusiker ist Robbie Williams eine englische Institution. Wie bei der Königsfamilie Windsor wartet das Publikum auf jede Skandalgeschichte von ihm, doch anders als das Haus Windsor braucht Williams sich für keinen Fehltritt gewunden zu entschuldigen. Er wäre ohne Skandalmeldungen nicht der Superstar, der er ist. Bemerkenswert ist dabei, dass es nie schmierig wirkt. Auch nicht wenn, wie in seiner gerade in Großbritannien veröffentlichten Biografie "Feel", die im Oktober auf Deutsch bei Rowohlt erscheint, neue Anekdoten aus seinem Privatleben bekannt werden: Von Sex mit Groupies, Sex mit anderen Stars und Sex mit Prostituierten; von Drogen in jungen Jahren und in großen Mengen.
Der 30-Jährige ist ein Star, den fast jeder sympathisch findet, der einzige englische Superstar seiner Generation. "Feel" steht in Großbritannien auf Platz eins der Bestsellerliste. Robbie Williams hat 32 Millionen Platten verkauft, statistisch gesehen besitzt jeder dritte Brite, einschließlich Babys und Greise, ein Album von ihm. Und beinahe jeder Europäer unter 40 dürfte ein Lied von ihm mitsingen können: "Angels", "Old Before I Die", "Lazy Days".
Das Geheimnis von Robbie Williams ist, dass er, egal, was er tut, augenzwinkernd wirkt. Und nicht verbissen, wie andere, die versuchen, die klassische Formel Sex 'n' Drugs 'n' Rock 'n' Roll zu leben. In "Feel", das der Journalist Chris Heath in Williams' Auftrag verfasst hat, spielt dieser Dreiklang neben Geschichten aus dem Popstar-Alltag eine markante Rolle. Ein perfekter Abend, erzählt Williams, habe für ihn aus "viel Tequila und zwei Stripperinnen" bestanden. Im Video zu seinem Hit "Come Undone" ließ er Pornodarstellerinnen auftreten, die sich zu seiner großen Enttäuschung weigerten, nach dem Dreh mit ihm zu schlafen.
Mit der Teenieband Take That begann Williams Anfang der 90er-Jahre seine Karriere. Als die Gruppe in Madrid einen Fernsehauftritt hat, nimmt er zum ersten Mal Ecstasy. Als er später in einer Entzugsklinik die Drogen auflisten soll, von denen er abhängig ist, nennt er zudem: Heroin, Marihuana, Alkohol, Speed. Einmal habe er einen Scheck über 75 000 Euro komplett für Kokain ausgegeben. Mit Liam Gallagher von Oasis habe er "Wagenladungen" der Droge genommen und dabei die Lieder aus "Sgt. Pepper's" gesungen. Diese Referenz an die Beatles ist kein Zufall. Robbie Williams tritt auf, wie sich die Engländer seit den wilden Tagen der jungen Beatles einen Popstar vorstellen. Er bedient sich nicht nur musikalisch der klassischen Muster von Rock und Pop, sondern auch in seiner Biografie. Bei dem Charismatiker Williams ist nie ganz klar, was wahr ist, was Lüge und was ein Scherz. Ein großer Teil seiner Geschichte in "Feel" erinnert sehr an die von John Lennon. Wie Lennon fängt er als junger Mann an, Drogen zu schlucken; wie Lennon zieht er mit Prostituierten herum, wie der ist er mit Elton John befreundet; kann ein Mitglied seiner früheren Band nicht leiden; und übersiedelt schließlich in die USA - weil angeblich in London auf sein Haus ein Schusswaffen-Attentat verübt wurde.
Robbie Williams erweist sich als großer Geschichtenerzähler. Seine Yoko Ono hat er noch nicht gefunden, trotz zahlreicher Affären mit Popstars wie Nicole Appleton, Geri Halliwell oder dem Model Rachel Hunter. Wenn er seine Yoko Ono findet, möchte er sich mit ihr zurückziehen und Kinder haben - wie Lennon. Aber: Er habe noch nie eine Frau wirklich geliebt. Die in der britischen Presse meistzitierte Geschichte aus "Feel" war, dass Williams im Vollrausch im amerikanischen Santa Monica Prostituierte mit ins Hotel nahm und von denen schließlich mit dem Revolver bedroht und ausgeraubt wurde. Das ist selbst für Rock 'n' Roller starker Tobak.
Artikel erschienen am 12. September 2004