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Anna - 01.11.2006 - 15:20

Es gibt solche Tage, die ganz harmlos und völlig normal anfangen. Man denkt an nichts außergewöhnliches, wenn einen der Wecker nervtötend aus dem seligen Tiefschlaf reißt, sondern ärgert sich höchstens ein Bisschen, warum es gestern Abend wieder so spät hatte werden müssen. Man gähnt noch einmal herzhaft und streckt sich, bevor man langsam unter der herrlich warmen Decke herausschlüpft und sich im Halbdunkeln Richtung Bad vortastet. Alles verläuft so wie immer. Und man ahnt nicht im Geringsten, dass das Leben bereits die eine oder andere Überraschung für einen parat hält...
Heute zum Beispiel war so ein Tag. Ich spulte die morgendliche Routine automatisch ab, duschte mich, zog mich an und stellte seufzend fest, dass die übrigen Bewohnerinnen der WG noch allesamt in ihren Betten lagen und sich von der gestrigen Hausparty erholten. Sollte ich Frühstück machen und sie dann wecken? Wer freute sich nicht, wenn er aufstehen und sich an den gedeckten Tisch setzen konnte? Aber da ich aus Erfahrung wusste, wie morgenmuffelig meine Mädels sein konnten, entschied ich mich dagegen. Trank meinem Kaffee schweigend in der Küche, die noch immer ausgesprochen deutlich von den Spuren des letztes Abends gezeichnet war. Neela wuselte so lange leise windelnd um meine Beine, bis ich sie kurz zum Pinkeln rausließ. Mein noch etwas müder Blick schweifte über das Chaos, das sich vor meinen Augen malerisch ausbreitete. Ne, Aufräumen wollte ich jetzt sicher nicht. Also stellte ich nur meine leere Kaffeetasse zwischen die zahlreichen Sektgläser und Schalen mit den Bröseln von Knabberzeug, die sich auf abenteuerlichen Stapeln an der Spüle auftürmten. Vom Geschirr, das noch vom Abendessen übrig war, ganz zu schweigen. Ich holte noch schnell die Morgenzeitung rein, bevor ich meine Autoschlüssel holte und dann in meine persönliche Doppelgarage lief. Dort warteten schon mein A3 und daneben der silberne Alfa auf Bewegung. Lange würde ich den Kombi nicht mehr fahren können, schließlich hatte er nur ein Saisonkennzeichen. Also musste der Audi zu Hause bleiben. Mit einem solchen Fuhrpark machte die Fahrt zum Gestüt jedes Mal aufs Neue großen Spaß. Der Alfa war ein absoluter Traum, das musste ich zugeben. Dabei hatte ich mir den Wagen nur gekauft, um nicht so schnell wieder bei einem Pferd schwach zu werden. Schließlich hatte ich nun mehr als genug Vierbeiner. 16 Stück, um genau zu sein. Und am liebsten hätte ich mir noch einige zugelegt. Aber jetzt war es echt an der Zeit gewesen, die Notbremse zu ziehen. Schließlich wollte ich kein eigenes Gestüt aufmachen. Oder mich von einem meiner „Alteingesessenen“ trennen...

Mit diesen Gedanken im Kopf bog ich in die langgezogene Einfahrt und suchte mir einen Parkplatz für mein 160-PS-Geschoss. Ich stieg aus, sperrte den Wagen ab und ließ wie immer aus Vorsicht den Türgriff noch einmal anschnellen. Blöder Kontrollzwang aber auch! Draußen war es winterlich kalt, die Luft war feucht und regenschwer. Fröstelnd lief ich auf die Stallungen zu und beschleunigte meine Schritte noch einmal, als ein jäher Windstoß über den menschenleeren Hof fegte. Puh, so schnell hätte es jetzt auch nicht abkühlen müssen. Ich hastete durch die Türöffnung und bemerkte erst nach einigen Metern, dass ich aus Versehen in den Trakt der Verkaufspferde gelaufen war. Was Schlafmangel so alles bewirken kann... Kopfschüttelnd stiefelte ich weiter. Ich würde halt den Seitenausgang nehmen, das war ohnehin eine Abkürzung. Während ich an den zahlreichen Boxen vorbeiging, bemerkte ich, dass die von Baccardi leer war. Sein Türschild fehlte ebenfalls. Offenbar hatte Anna ihn verkauft. Ansonsten hatte sich nichts verändert, seitdem ich das letzte Mal hier gewesen war. Oder? Aus den Augenwinkeln sah ich, dass in der hinterste Box auf der rechten Seite ein neues Pferd stand. Geh weiter, Claire, raus durch den Seitenausgang!, schrie mein Verstand. Bleib stehen und sie dir das Pferd erst einmal an!, befahl eine andere Stimme. Und die war eindeutig stärker als die erste. Langsam näherte ich mich dem Neuling, um ihn nicht zu erschrecken. Wer nun erschrecken sollte, war bei Gott nicht das Pferd, sondern ich. Als ein hübscher, fein geschnittener Kopf über die Boxentür flog, traf mich beinahe der Schlag. Das dunkle Fell, die hellbraune Mähne, die langgezogene Blesse und die frech schimmernden Augen- das konnte nur ein Hengst sein...
„Al Hawal“, flüsterte ich mit tonloser Stimme. Al Hawal, das Pferd, das ich schon mehrmals hatte kaufen wollen und bei dem ich immer den Kürzeren gezogen hatte. Al Hawal, der älteste Sohn von Al Nadeschs Schwester Moshura und dem wunderbaren Al Bahid.
Ein vages Erkennen blitzte in den Augen des Pferdes auf, während es mich neugierig musterte. Ich streckte ihm vorsichtig meine Hand entgegen, damit es daran schnuppern konnte. Seine Haltung entspannte sich sofort etwas.
„Na, erinnerst du dich noch an mich?“, fragte ich leise und strich Al Hawal liebevoll über die samtigen Nüstern. „Willkommen zu Hause, Kleiner.“ Er schnaubte zufrieden ab, bevor er dazu überging, mir mit der Nase durch die Haare zu wühlen und damit das Bisschen Friseur, das ich mir heute Morgen zurechtgekämmt hatte, zu vernichten. Er war noch immer der ungezogene Frechdachs wie früher. Kein Zweifel. Ich schob lachend die Boxentür auf und legte dem Dunkelfuchs meine Arme um den schlanken Hals. Nachdem Rica mit ihren Pferden das Gestüt verlassen hatte, hatte ich nicht geglaubt, den jungen Hengst jemals wieder zu sehen. Und nun hatte sie ihn offenbar zurück an die Gestütsleitung verkauft. Welch ein Zufall, dass ich ausgerechnet heute durch die Stallungen der Verkaufspferde gelaufen war. Oder gab es überhaupt so etwas wie einen Zufall? In diesem Moment konnte ich nicht so recht daran glauben.
„Dieses Mal bin ich die Schnellere“, sagte ich halblaut und schmiegte mich an Hawals spiegelglattes Fell. „Versprochen.“ Der Vierjährige stupste mich sanft an, schnaubte mir prustend in den Nacken und schien nichts dagegen einzuwenden zu haben. Wenig später fand ich mich in Annas Büro wieder. Mit einem glückseligen Lächeln auf den Lippen unterschrieb ich den Kaufvertrag. Al Hawal gehörte mir. Endlich! Doch das sollte nicht die letzte Überraschung für mich bleiben...

Noch völlig euphorisch über die Tatsache, dass ich den bildhübschen Dunkelfuchs nun mein Eigen nennen konnte, verließ ich das Verwaltungsgebäude und trat wieder ins Freie. Die Kälte, die mich bei meiner Ankunft noch so abgeschreckt hatte, nahm ich kaum noch wahr. Ich lief wie auf Wolken. Pfeif auf die Schwerkraft! Und RUMS rannte ich frontal gegen den armen Martin, der soeben um die Ecke gebogen kam. Glücklicherweise war er nicht so abwesend wie ich. Geistesgegenwärtig hielt er sich an meinen Armen fest und bewahrte uns so vor einem wohl recht unangenehmen Sturz auf den Asphalt.
„Oh la la, ganz schön stürmisch heute!“, lachte der Dreiundzwanzigjährige höchst amüsiert. „Oder macht sich da vielleicht der Restalkohol von gestern Abend bemerkbar?“
„Ähem! Erstens gestehe ich nichts, und zweitens: woher weißt du überhaupt von unserer Hausparty?“, erwiderte ich noch etwas verwirrt. Es dauerte einige Augenblicke, bis ich meine sechs Sinne wieder beieinander hatte.
„Bianca hat mir gerade davon erzählt. Außerdem sind die Folgen kaum zu übersehen“, antwortete Martin grinsend. „Wenn ich mir deine Haare so anschaue...“
„Vielen Dank, Mister Hübsch“, fauchte ich und fuhr unwillkürlich mit der Hand durch meine zerzausten Haare. „Kann ja nicht jeder das Glück haben und nach einer durchgesoffenen Nacht noch immer so gut aussehen wie du. Außerdem ist das nicht mein, sondern Al Hawals Werk. Nur, um das mal klarzustellen.“
„Al Hawal? Der Hengst, den Anna erst kürzlich gekauft hat?“, fragte Martin erstaunt. „Was hast du denn mit dem zu tun?“
„Ich habe ihn vor drei Minuten gekauft“, erklärte ich und lachte mich innerlich halb kaputt über Martins fassungsloses Gesicht.
„Ähm. Okay. Burny, Orlando, No Limit, Al Nadesch...“, zählte er an den Fingern ab, „Jewel, Summernight Dream, Salza, Ashianty, Shout, Conchita, Sabiih, Dark, Aaliyah, Raffaello Night, Amorina, Nashida und jetzt noch Al Hawal. Macht 17 Pferde. Meinst du wirklich, dass das noch normal ist?“
„Nein, ich habe es schon längst aufgegeben, normal zu sein“, entgegnete ich und streckte mich etwas, um ihm mit der Hand durch die schwarzen Locken zu wuscheln. „So, jetzt kann ich mich wieder mit dir sehen lassen“, stellte ich mit einem zufriedenen Grinsen fest. „So was nennt man Partnerlook.“
„Na warte...“, drohte Martin und zog mich an sich heran. Wir versuchten, uns zu küssen, aber kaum sahen wir uns beide an, fingen wir wie blöd an zu lachen und bekamen uns nicht mehr ein. Martin sah einfach zu lustig aus mit seinem zerstrubbelten Haaren. Und ich gab vermutlich auch kein besseres Bild ab. Im Gegenteil.
„Ich - kann - nicht - mehr“, keuchte ich, immer wieder von einem erneuten Lachanfall unterbrochen. Mir tat schon alles weh vor lauter Gelächter. Völlig außer Atem kuschelte ich mich an Martin und wartete ab, bis beim armes Gehirn wieder genug Sauerstoff bekam *g*. Als wir uns beide wieder so weit beruhigt hatten, dass wir unser ursprüngliches Vorhaben wieder hätten aufnehmen können, tauchte Bianca auf. Welch ein Timing. Ich schlängelte mich aus Martins Armen, um meine Freundin begrüßen zu können.
„Auch schon auf den Beinen, Süße?“, fragte sie lächelnd und umarmte mich liebevoll. „Wir haben vorhin ausgelost, wer den Saustall von gestern Abend beseitigen muss. Es hat Steffi und Kathi erwischt. Das heißt, die beiden werden erst am Nachmittag aufs Gestüt kommen“, fügte sie gut gelaunt hinzu.
„Puh, zum Glück war ich etwas früher auf den Beinen“, seufzte ich, unendlich erleichtert bei dem Gedanken, heute doch keine Hausarbeiten verrichten zu müssen. „Bibs, ich hab gerade Al Hawal gekauft“, beichtete ich ihr mit einem schiefen Grinsen.
„Ach was, ein Pferd, das ist doch gar nichts. Steffi hat vier Neulinge. Und ich plane schon wieder ein Fohlen“, sagte Bianca großmütig, anstatt mich zu tadeln und zu schimpfen. Wie bitte? Steffi und vier neue Pferde? Wir waren schon so ein verrückter Haufen...
„Hey, Martin, ich muss dir Clairchen jetzt leider entführen. Sie muss sich meine beiden Anzeigen für’s Schwarze Brett durchlesen“, verkündete Bibs und zog mich auch schon hinter sich her Richtung Stübchen. „Ihr könnt ja später weitermachen...“
„Moment mal, Maus, welche Anzeugen?“, fragte ich neugierig. „Was verkauft du denn? Sag bloß deinen Mini!“
„Das wirst du gleich sehen“, war die unbefriedigende Antwort.
„Du willst wirklich Shadin und Mahir verkaufen?“, fragte ich wie vom Donner gerührt. Ungläubig starrte ich die beiden Din-A-4-Seiten in meinen Händen an. „Das ist doch nicht dein Ernst...“
„Es fällt mir echt nicht leicht“, seufzte Bianca schulterzuckend. „Aber ich habe einfach nicht genug Zeit, mich richtig um Shadin zu kümmern, das weißt du genauso gut wie ich. Und zu Mahir hab ich noch nie einen besonderen Draht gehabt. Ich hänge einfach nicht an ihm. Und ich möchte noch einige Fohlen ziehen, also musste dieser Schritt sein. Wie findest du die Anzeigen? Hab ich was vergessen?“
„Nein, nein, passt alles wunderbar“, antwortete ich leise. „Ich finde es einfach nur schade, dass du ihn verkaufen willst...“
„Keine Angst, ich gebe Shadin nur in verantwortungsvolle Hände“, versicherte Bibs mit ernster Stimme. „Ich bin doch kein Unmensch! Er soll es ja weiterhin gut haben.“
„Aber ich rede doch überhaupt nicht von Shadin“, murmelte ich und starrte unbeweglich auf die beiden Fotos von Mahir, die über dem Steckbrief abgedruckt waren. In meinem Inneren focht ich soeben einen harten Kampf aus. Und ich ahnte schon jetzt, wie er ausgehen würde...
„Von Mahir? Ehrlich? Willst du ihn?“, fragte Bianca und schaute mich herzerweichend an. „Ich bin so blöd! Weißt du, er hat mir schon immer wahnsinnig gut gefallen...“, hörte ich meine eigene Stimme wie aus weiter Ferne. Noch konnte ich nein sagen. Nein, nein, nein und nochmals nein! Aber das war nicht das, was ich wollte. Ich wusste, dass Mahir kein einfaches Pferd war, doch es war gerade sein starker Charakter, der mich so beeindruckte. Und schön war er zweifellos, mit seinem dunkelgrauen Fell und dem eleganten Körperbau. Außerdem war er ein richtiges, ausgebildetes Rennpferd. Was allerdings nichts an der Tatsache änderte, dass ich kein weiteres Tier mehr kaufen wollte... sollte...
„Zuerst Al Hawal und jetzt... Na gut, stöhn seuf und doppelseufz, was soll's... 17 oder 18 Pferde, ist ja eh wurscht... Ich nehm’ ihn“, entschied ich schließlich. So kam es, dass ich wenig später den zweiten Kaufvertrag für heute unterschrieb und meine Herde um zwei weitere Mitglieder wuchs.

Claire - 01.11.2006 - 22:26

Danke für's Rüberziehen, Anna!
Alex - 01.11.2006 - 23:41

Claire, schöner Bericht, ist schön viel zum lesen
Claire - 02.11.2006 - 11:38

Danke, Süße! Bin schon wieder fleißig am Schreiben...
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