Geschrieben von: gisi (cm117-60.liwest.at, 212.241.117.60) am Dienstag, 19. August 2003, um 14:16
Ich war fast genauso nervös wie beim ersten Termin, doch auch guter Dinge, das waren kompetente Ärzte und ich würde endlich wissen, was mit mir los sei.
Auch hatte ich die Hoffnung zu hören, dass mit mir eigentlich alles in Ordnung wäre, dass meine Probleme in meinem sozialen Umfeld begründet lägen, irgendetwas in der Art.
Wieder saß ich meinen beiden Ärzten gegenüber.
"Die Testungen haben bestätigt, dass meine Vermutung richtig war.
Sie sind ein klassischer ADS-Fall mit Hyperaktivität beides, sowohl ADS als auch Hyperaktivität in extremer Ausprägung ."
Die nächsten Sätze des Arztes hörte ich nicht mehr, das Blut rauschte in meinen Ohren, mein Kopf dröhnte.
Ich hatte recht gehabt, ich wusste es schon die ganze Zeit.
Das waren die ersten Gedanken, welche mir durch den Kopf schossen.
Das Puzzle meines Lebens fügte sich plötzlich zu einem Bild zusammen, alles machte plötzlich Sinn.
Der Arzt hatte längst bemerkt, dass ich ihm nicht mehr zuhörte und holte mich wieder in die Realität zurück.
Normalerweise würden sie mich an einen Arzt in meiner Nähe zur weiteren Behandlung verweisen, doch in Anbetracht der prekären Situation von 4 ADS-Betroffenen, davon 3 mit Hyperaktivität unter einem Dach, würden sie in meinem Fall eine große Ausnahme machen und mit der Behandlung beginnen.
So weit hatte ich noch gar nicht gedacht.
Wir besprachen Medikamente und wie alles im Detail aussehen würde, vereinbarten einen Termin und ich war entlassen.
Ich hatte ein Rezept für Trevilor (Antidepressivum) und verlies die Klinik erleichtert, ja geradezu übermütig.
Ich hatte keinen Tumor, keinen irreparablen Hirnschaden, keine schwere Erkrankung, nur ADHS!
Dafür hatte ich jetzt Medikamente, jetzt würde ich mein Leben in den Griff kriegen.
Die Probleme würden sich zwar nicht in Luft auflösen, doch ich würde sie locker in den Griff kriegen.
Davon war ich überzeugt!
Alle zwei Wochen würde ich in die Klinik fahren und ich wusste, ich würde den Ärzten nur von Fortschritten berichten!
Am nächsten Tag holte ich mir meine Tabletten aus der Apotheke.
Daheim las ich mir erst mal den Beipackzettel durch.
Ich beschloss mit der ersten Einnahme bis zum nächsten Tag zu warten, da mir der Arzt bereits erklärt hatte, dass mir wahrscheinlich übel werden würde, wäre es besser, wenn die Kinder in der Schule wären.
Dann war es so weit, der nächste morgen, die erste Tablette!
Eine halbe Stunde später war mir so übel, ich musste mich hinlegen.
Oh Gott, ging es mir elend.
Nach einer Stunde war der Spuk vorbei.
Ich begann meine Hausarbeit zu erledigen und versuchte krampfhaft eine Änderung festzustellen, irgendeine Wirkung.
Doch ich merkte nichts!
Am Nachmittag war ich so gefrustet, dass ich meinen besten Kumpel zum Kaffee einlud und ihm mein Leid klagte.
Jetzt hatte ich ein Medikament, aber es half nichts.
Er beruhigte mich und meinte ich solle noch ein paar Tage abwarten.
Vier Tage später rief ich meinen Arzt in der Klinik an und teilte ihm mit, dass die Tabletten offensichtlich nicht wirkten!
Einige gezielte Fragen später, von Seiten des Arztes, und ich war sprachlos.
Ich hatte tatsächlich einige meiner Arbeiten angefangen und beendet, ich hatte abends sogar Zeit um noch mit den Kindern zu spielen und war im allgemeinen ruhiger.
Das war mir selbst gar nicht aufgefallen.
In diesem Telefonat gab mir der Arzt auch eine Hausaufgabe bis zu unserem nächsten Gespräch.
Ich sollte mich hinsetzen und einen Lebenslauf schreiben, nicht chronologisch, sondern ich sollte die Dinge aufschreiben, die mir noch am lebendigsten in Erinnerung waren, und/oder mich belasteten.
Ich sollte dies für mich selbst tun, um zu erkennen, wie und wo mein ADHS mein Leben beeinflusste und welche "schlechten" Angewohnheiten ich mir angeeignet hatte um meine Defizite zu vertuschen.
Nach einigen Wochen, in denen ich regelmäßig bei meinem Arzt zum Gespräch war, war meine anfängliche Freude, dass ich nur ADHS hätte verflogen.
Auch hatte sich herausgestellt, dass ich wahrscheinlich kein Antidepressivum brauchen würde, sondern Methylphenidat (Ritalin), welches ADS spezifischer wirkt.
Doch zu diesem Zeitpunkt war ich froh ein Antidepressivum zu schlucken, denn ich war einer Depression schon lange nicht mehr so nahe gewesen.
Depression? Weshalb?