27. Februar 2004
"Schulsystem vernachlässigt Hochbegabte ganz extrem"
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Experten kritisieren in Standard-Diskussion mangelnde Förderung
Wien - "Das österreichische Schulsystem kann mit Hochbegabungen nicht umgehen. Hochbegabte werden vernachlässigt - und zwar ganz extrem", kritisiert die Wiener Universitätsprofessorin Daniela Zaknun von der Uni-Kinderklinik am Wiener AKH die "inexistente Förderung für hoch begabte Kinder".
Die Kinderärztin, selbst Mutter eines hoch begabten Sohnes, bestätigt den Tenor der STANDARD-Diskussion Mittwochabend, die die Frage nach der individuellen Förderung für "Zappelphilipps, Wunderkinder und andere ABC-Schützen", etwa mit Teilleistungsschwächen, stellte. Zaknun führt den Mangel an Hochbegabtenförderung, der für "das europäische Schulsystem" gelte, auf das Jahr 1968 zurück. Durch "Nivellierungstendenzen" sei "ein großer Teil der Spitze verloren gegangen - auf beiden Seiten", auch bei Kindern mit Schwächen.
Günter Haider, Vorsitzender der Zukunftskommission, meinte am Mittwoch: "Wir tun zu wenig, um Begabungen zu fördern. Das muss individuell passieren." (nim)
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27. Februar 2004
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Unterricht für fiktive "Normalschüler"
In der Schule sitzen hoch begabte Kinder und solche mit "Teil- leistungsschwächen". Beide Gruppen werden jetzt nicht genug geför- dert, kritisierten Exper- ten bei der Standard- Diskussion über "indi- viduelle Förderung".
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Solmaz Khorsand
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Wien - Kinder sind verschieden. So lautet nicht nur das Resümee eines arbeitsintensiven Tages desillusionierter Eltern und Lehrer. Es ist beinharte Wirklichkeit. Kinder haben unterschiedliche Fähigkeiten, unterschiedliche Bedürfnisse, aber auch unterschiedliche Defizite. Zwei Prozent der Kinder gelten als hoch begabt, 20 Prozent haben spezielle Begabungen in einzelnen Bereichen.
Ob es klug ist, sie alle in einen "Topf Schule" zu werfen, stand in der dritten von vier STANDARD-Bildungsdiskussionen zur Debatte. Unter dem Titel "Zappelphilipps, Wunderkinder und andere ABC-Schützen" stellten sich Expertinnen und Experten aus Schule und Wissenschaft unter der Moderation von STANDARD-Redakteurin Lisa Nimmervoll die Frage, wie Kinder entsprechend ihren Begabungen individuell gefördert werden können und woran es im österreichischen Schulsystem im Vergleich zum PISA-Testsiegerland Finnland krankt. Immerhin sei es das teuerste Bildungssystem innerhalb der OECD-Länder.
"Es wird auf einen fiktiven mittleren Gymnasiasten hinunterrichtet", konkretisierte Günter Haider, Leiter des österreichischen PISA-Projektzentrums und Vorsitzender der Zukunftskommission das Problem an österreichischen Schulen. Als Vater einer hoch begabten Tochter weiß er nur zu gut, was es heißt, nicht entsprechend gefördert zu werden. "Entweder sie wird von den Lehrern ignoriert oder in Ruhe gelassen oder nicht gemocht, weil sie immer arbeiten will." Förderung gibt es nur in Form eines Tanzkurses oder im Erlernen der japanischen Sprache.
"Ich verlange nichts Ungewöhnliches. Ich verlange nur, was im Schulunterrichtsgesetz steht." Und daher seine Forderung als Vorsitzender der Zukunftskommission: "Die Ausrichtung des Unterrichts auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten einzelner Schüler durch eine differenzielle Förderung."
Eine differenzierte Förderung für ihren Sohn wünschte sich auch eine Mutter aus dem Publikum. Als hyperaktives und gleichzeitig hoch begabtes Kind gebe es für ihren Sohn keine entsprechende Behandlung seitens der Schule. Sie befürchtet sogar, dass er womöglich aufgrund mangelnder individueller Förderung womöglich in eine Sonderschule geschickt wird.
In Finnland wäre das kein Thema. Dort realisiert man, was hier sehnlichst gewünscht wird. Warum die Finnen den Österreichern in Sachen Bildung voraus sind, versuchte Friedrich Buch- berger, Erziehungswissenschafter an der Pädagogischen Akademie Linz und Gastprofessor in Finnland, zu skizzieren. Er erklärte sich den Erfolg aus einem Zusammenspiel verschiedener Komponenten.
Entscheidend dabei sei vor allem, dass Schüler eine Klasse nicht wiederholen müssen: "Schülerversagen ist in Finnland undenkbar. Schülerversagen wird gleichgesetzt mit Schulversagen." Ein weiterer Aspekt in diesem Zusammenhang wäre das individuell an jeden Schüler angepasste Kurssystem, das darin resultiert, dass "nicht alle Schüler das Gleiche wenig können", sondern "alle Schüler etwas anderes besser können."
Außerdem betonte Buchberger die unentbehrliche Existenz einer hoch entwickelten Lehrerausbildung, die "praktisch und gleichzeitig forschungsorientiert ist". Lehrer sollen wie Mediziner die Fähigkeit haben, die Schüler zu diagnostizieren und entsprechende Maßnahmen in die Wege zu leiten, um sie zu fördern. Für eine umfassende pädagogische Ausbildung machte sich auch Haider innerhalb der Zukunftskommission stark und hofft, es 2007 realisieren zu können.
Eine Repräsentantin aus der Praxis war Lehrerin Wanda Grünwald, die im "Schulkollektiv Wien" im Werkstätten-und Kulturhaus (WUK) immer wieder die von Buchberger und Haider angesprochenen Lernmethoden tatsächlich praktiziert: "Wir bemühen uns selbst bestimmtes und selbsttätiges Lernen in einem praxisorientiertem und fächerübergreifendem Unterricht zu ermöglichen." Sie betonte, dass sie im Gegensatz zu anderen Schulen in kleinen und altersheterogenen Gruppen arbeitet, die sich neben den klassischen Unterrichtsgegenständen auch mit sozialer und demokratiepolitischen Inhalten auseinander setzen, um die Kompetenz der Kinder auf diesen Gebieten zu fördern.
Ein weiteres Charakteristikum des Schulkollektivs Wien ist das Fehlen von Zeugnissen. "Die Leistungsfeststellung läuft in einem ständigen Beobachtungsprozess. Jedes Kind schreibt sich am Ende des Jahres ein Zeugnis, wo es seine individuellen eigenen Lernfortschritte festhalten kann", führte Grünwald weiter aus.
Nicht nur über die Förderung hoch begabter und leistungsschwacher Schüler wurde Mittwochabend diskutiert, auch die Auswirkungen auf die Wirtschaft waren ein Thema. Beispielsweise wurde festgestellt, dass sich der Ritalin-Verbrauch, ein Medikament, das hyperaktiven Kindern verabreicht wird, zwischen 1996 und 1999 verdreifacht hat. In Deutschland wurden 1991 noch 400.000 Tagesdosen dieser Pillen an so genannte "Hypies" verabreicht, im Jahr 2000 waren es 13,5 Millionen Tagesdosen.
Brigitte Sindelar, Psychologin, Psychotherapeutin und Entwicklerin von Förderprogrammen für Kinder mit Teilleistungsschwächen, befürchtet zwei Tendenzen. Zum einen ist sie beunruhigt über "heilsversprechende" Methoden, die als Reaktion zu den vermehrten Bedürfnissen der Kinder Lern- und Schulschwierigkeiten als Erwerbsquelle missbrauchen. Zum anderen zeigte sie sich besorgt darüber, wie schulische Förderung definiert wird: "Wenn ich schulische Förderung nur als leistungsorientiert sehe, und die nur wirkt, wenn es wehtut, nach dem Grundkonzept: Schule ist nur wirksam, wenn man gequält wird, stimmt etwas nicht. Denn ein Kind besteht nicht nur aus Lesen, Schreiben und Rechnen." Dem Kind müsste zwar bei seinen Schwächen geholfen werden, "aber nicht, indem man immer den Finger darauf legt", gab Psychologin Sindelar zu bedenken. Das Kind müsse Lust am Lernen haben. Eine Feststellung, die auch Haider unterstützt. "Wenn uns die Leistungen unserer Schüler nicht gefallen, kann man damit leben, mit einem kann man aber nicht leben, wenn die Schüler die Freude am Lernen verlieren." Daher gelte es, das "Flämmchen" Motivation, das in der Schule ausgelöscht werde, am Leben zu erhalten. Um das zu bewerkstelligen, appellierte er auch an Eltern und Schüler, mehr von ihrem Mitspracherecht nicht nur bei Schulveranstaltungen, sondern insbesondere bei "essenziellen Dingen" wie dem Unterrichtsinhalt, der Bestellung des Lehrpersonals und dem den Schulen zur Verfügung stehenden Geldern, Gebrauch zu machen. "Wir müssen uns als Eltern auf die Hinterbeine stellen, um uns im demokratischen Raum stärker Gehör zu verschaffen." Zuletzt wandte sich Haider noch an den Verfassungskonvent, den er aufforderte, eine Verwaltungsreform in der Schule zu beschließen.
Abschließend wollte Sindelar noch darauf hinweisen, dass man sich in dieser Debatte nicht auf der Suche nach dem Schuldigen verbeißen dürfe, und zitierte einen japanischen Philosophen aus einem James-Bond-Film: "Lö- sen wir nicht die Schuldfrage, lösen wir das Problem."
Elternsein ist der kom- plizierteste Beruf der Welt, noch dazu ohne Ausbildung. Sehr oft "erziehen" wir die Kinder, obwohl wir sie "beziehen" sollten. Brigitte Sindelar
Wir müssen das Geld "unterrichtswirksam" machen. In Finnland wird es an die Gemein- den und Schulen überwiesen. Bei uns wird es verwaltet. Günter Haider
So etwas Dummes wie Sitzenbleiben ist in Finnland seit 30 Jahren nicht mehr denkbar. Wenig zielführende Ziffernnoten sind seit langem unbekannt. Friedrich Buchberger
Ich arbeite mit zehn Kindern in einer Gruppe und sitze hier eigentlich für eine Schule, von der es mir lieber wäre, dass es sie gar nicht geben müsste. Wanda Grünwald