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Myr - 11.08.2005 - 20:54

Hallo,

Hier findet sich der erste Teil der Charaktergeschichte von Sairim. Ich hoffe, ich erschlag euch nicht zu sehr mit Text, aber ich mag's gern etwas ausführlicher *grinst schief*

Zur Erklärung: Der Anka ist die arabische Version des Phönix, angeblich so groß, dass er mit Leichtigkeit einen Elefanten reißen konnte. Da er von Jehovah unfruchtbar gemacht wurde, gibt es immer nur einen Anka, der aus den Flammen des alten Wesens entsteht. Ankas werden nach der Sage bis zu 1700 Jahre alt.

Das der Charakter natürlich nicht so groß und ewig mächtig ist wie andere Ankas sollte auch aus diesem Teil der Geschichte schon recht deutlich hervorgehen, denke ich...

Viel Spaß beim Lesen ;)
Das Myr
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Es gibt nur einen Anka.
Als der Anka in früher Zeit auf dem Wege war, mit seiner Brut die Welt zu zerstören, kamen die Weisen und Magier zusammen, um zu beraten.
Ein mächtiger Zauber wurde ersonnen, der die Anka für alle Zeiten unfruchtbar machen würde. Nur einer sollte überleben.
Und aus diesem einen Anka würde sich ein neuer Anka erheben, sollte er sterben. Dieser Zyklus sollte sich wiederholen, bis die Welt zerbarst- das schworen die Zauberer.

Auch heute lebt nur ein Anka.
Doch heute ist etwas anders.

Ailin hatte gute Beute gemacht- ein Elefant war nie schlechte Nahrung, auch wenn dieser weiß und in köstliche, glänzende Delikatessen – die Menschen nannten so etwas wohl „Prunkzeug“ – gewickelt gewesen war.

Doch etwas lag ihr schwer im Magen. Oder besser: Am Herzen. Der Fluch, den der Menschling ausgesprochen hatte. Normalerweise scherte sie sich nicht darum, ob Menschen sie verwünschten, denn nie machten die Winzlinge ihre Drohungen wahr –Wr wagte es schon, den allmächtigen Sonnenvogel, die Herrin der Berge zu belästigen?
Trockener gefragt: Wer war schon so wahnsinnig, einen Vogel mit einer Flügelspannweite von mehr als dreißig Metern zu verärgern? Umso mehr, wenn dieser Vogel einige Male deutlich gemacht hatte, woraus seine bevorzugte Nahrung bestand?
Dieser Mensch war anders gewesen. Ein Zauberer, das hatte sie sofort gespürt. Vielleicht war an diesem Fluch mehr, als es zunächst den Anschein hatte.
Und über diese Dinge grübelnd verfiel Ailin langsam in einen tiefen Schlaf, aus dem sie niemals erwachen sollte.
Grüne Flammen begannen, ihren Körper zu verzehren, ihren Horst in unheimliches Licht zu tauchen, die einzige Anka auf der Welt zu töten.

Wenn ein Anka stirbt, so sagt die Legende, geleiten die goldenen Strahlen der Sonne seine Seele in die ewigen Flammen, woraufhin ein neuer Geist den Platz des Anka auf der Welt einnimmt.
Doch dieses Mal wirkte der Fluch. Und Ailin sollte nie die ewigen Flammen kennenlernen.

Als die Sonne schließlich wieder über den Horizont kroch, beleuchteten ihre Strahlen keine Leiche. Sondern ein kleines, verhältnismäßig zu dem gewaltigen Vogel eher winziges Häufchen Asche.
Wenn man genauer hinsah, so lag die Asche nicht still da. Sie bewegte sich…

Ein kleiner, leuchtend gelber Vogel begann sein Leben in dem, was von seiner Mutter geblieben war.

Es gibt immer nur einen Anka.

Und er erinnerte sich…
„Sairim, ja, das scheint der passende Name für den gewaltigen Sonnenvogel zu sein. Ich bin der Anka. *Der* Anka. Der Herr der Berge. Ich bin gefürchtet bei den Menschen, respektiert von den Greifen und bekannt bei den Drachen. Ich bin… Dreißig Zentimeter groß?!“

Etwas stimmte nicht. Etwas stimmte ganz und gar nicht. Das Artengedächtnis der Anka teilte ihm mit, dass er doch zumindest so groß wie ein Hirsch sein sollte. Was stimmte nicht?
„Grüne Flammen. Grün? Ich bin der Sonnenvogel, bei dessen Anblick die Menschen vor Bewunderung erblinden und der die finsterste Nacht mit seinem Antlitz erhellt. Grün geziemt sich nicht für den Herrn der Berge! Warum grün?“
Sairim war verwirrt. Mehr noch: Verwirrt und hungrig. Neu geboren zu werden war schließlich anstrengend. Er fühlte sich, als könne er ein ganzes Reh fressen… Nur, dass das mehr als dreimal so groß war wie er… Also eher eine fette Ratte…
„Hehehe, das geschieht dir nur Recht, du elendes Biest! Meinen preisgekrönten Elefanten zu fressen, das könnte dir so passen! Der Fluch wird dich dein Leben lang verfolgen und so lange du lebst wird auch deine Vorgängerin keinen Frieden finden. Jeden Schmerz, den du empfindest, wird ihr Geist zehnfach fühlen. Jede Trauer, die dein Herz verkrampfen lässt, wird ihre Seele erstarren lassen! Das ist mein Fluch an euch, verdammte Anka!“

Zorn packte Sairim, doch was sollte ein Anka tun, der nur dreißig Zentimeter groß war? Mit einem wilden Kreischen (besser gesagt: lauten Zirpen) stürzte er sich auf den Zauberer.
Besser gesagt: Das hatte er vor.
Tatsächlich fand er ziemlich schnell heraus, dass ein Käfig aus Dornenranken derlei Pläne eher zu behindern pflegt.
„Das hast du dir so gedacht, nicht wahr, Bestie? Aber so leicht will ich dir das Leben doch nicht machen… Du kommst mit mir, ich habe den Elefanten noch nicht ganz gerächt…“

Und so erhob sich der Dornenkäfig mit einem sehr wütenden (und tief in seinem Inneren sehr ängstlichen) Anka in die Luft, um dem Menschen den Berg herunter zu folgen.

Die erste Woche im Leben Sairims wurde prägend, als der Zauberer herauszufinden suchte, worauf ein Anka besonders empfindlich reagierte.
Er versuchte es mit Feuer, doch das schien den Sonnenvogel nicht sonderlich zu beeindrucken.
Er versuchte es mit Eis, doch Sairim blieb standhaft.
Er versuchte es mit Albträumen und Sairims Wille brach.

Tagein, Tagaus quälte der Magier den Geist des Vogels mit schrecklichsten Bildern getöteter oder sterbender Ankas, mit Gedanken voller Grausamkeit und Qual.

Doch dieser Tag ist anders als die anderen, denn heute hält der Mensch die Rache für abgezahlt.
„Auge um Auge, Zahn um Zahn, Klaue um Klaue, Anka. Heute nun ist deine Schuld bei mir abgegolten und du bist frei. Genieße dein Leben!“

Von Genuss allerdings war zunächst wenig zu bemerken, denn der Vogel hatte unter der grausamen Rache des Magiers sehr gelitten- viele Federn hatte er am Dornenkäfig, in dem er seit seiner Geburt geblieben war, lassen müssen und seine Gedanken waren geplagt von Trauer und Furcht. Viele Male hatte er gemeint, neben seinen eigenen gequälten Schreien auch die eines Weibchens zu vernehmen, dass in Pein und Leid aufkreischte.

Als er nun, zum ersten Mal seit Wochen in die strahlende Sonne kroch, schmerzte ihn der Schein, der sein Lebensquell sein sollte, in den Augen.
Den Kopf herabhängen lassend erhob sich Sairim taumelnd in die Luft um so schnell und weit wie möglich von diesem schrecklichen Menschen wegzukommen. Er war in seiner Gefangenschaft trotz der kargen Nahrung bereits um einiges gewachsen, so dass man ihn inzwischen für einen großen Adler halten konnte, wenn man nicht genau hinsah (Denn welche Adler sind schon gelb? Und welche Adler haben einen langen, weichen Schwanz?). Mit letzter Kraft schaffte es der Anka ins nächste Dorf, das einige Kilometer weiter östlich lag, denn er war auf seinem Weg der Sonne gefolgt.
Dort schließlich stürzte er jedoch ab. Besser gesagt: Er flog in einen Baum, den er vor Müdigkeit nicht mehr wahrnahm und krachte auf den Boden.
Das letzte, was der Vogel vor seiner aufkommenden Bewusstlosigkeit wahrnahm war folgendes:
„Mama! Schau mal hier! Da ist ein schöner Vogel aus dem Baum gefallen! Darf ich ihn behalten?“
„Bring ihn herein… WAS IST DAS?!“

Als sich die Dunkelheit um seine Sinne langsam wieder legte und Sairim zum ersten Mal seit einer scheinbaren Ewigkeit ohne quälende Albträume, dafür aber mit einem gehörig brummenden Schädel, aufwachte, stellte er fest, dass er in einem Nest lag. Einem kleinen, runden Nest, gerade groß genug für ihn und geformt aus bunten Tüchern und Schals. Außerdem fühlte er angenehme Kühle dort, wo seine ausgerissenen Federn sonst Schmerzen gebracht hatten.
„Qual…?“
krächzend erhob er die Stimme in der Sprache der Anka, als er von einer Mädchenstimme unterbrochen wurde.
„Mama sagt, du sollst nichts sagen. Ich bin Mirjam und passe jetzt auf dich auf! Mama ist die klügste Frau im ganzen Dorf und wenn sie sagt, dass du nicht reden darfst, obwohl du ein Vogel bist und ja gar nicht reden kannst, dann darfst du auch nicht reden!“
Als der kleinste Anka der Welt den Kopf ein Stück wendete blickte er in die strahlend blauen Augen eines ungefähr siebenjährigen Mädchens, dessen rote Haare in wirren Strähnen in ihr Gesicht hingen.
„Gut… Dann bin ich… still…“
krächzte er noch, bevor die Dunkelheit ihn wieder umfing.

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