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MichaelJackson - 10.03.2004 - 10:31

Die Landeskirche und das Urinal

Als ich neulich meinen Schwanz in der Hand hielt, erschien mir der Herr vor Augen. Symbolisch gesprochen natürlich, aber da in Sachen Kirche und Glaube Symbolisches bekanntlich bedeutsam ist, angemessen ausgedrückt.

Ich stand am Urinal einer Trinkhalle, beißenden Geruch in den Nüstern, von draußen 80er Jahre-Gesänge hineinschauernd, als mir bewusst wurde, was da vor meinen Augen an der Wand prangte: "Wein zu Wasser machen kannst Du ja schon gut". Ein Werbeplakat der Landesjugendkirche oder Jugendlandeskirche oder Kirchenlandesjugend oder so ähnlich. Wein zu Wasser machen kann ich ja schon gut. Das stimmte. Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Nun hatte ich zwar Hefeweizen zu mir genommen anstatt Wein, aber das war ja nicht der Punkt. Was genau der Punkt war, konnte ich mir zwar nicht richtig klar machen, aber ich fand es in meiner spontanen Betroffenheit echt klasse, wie fulminant und echt zeitgemäß die Kirche es da schaffte, junge Menschen in einer echt entspannten Situation mit echt provokant-anregenden Worten aus der Reserve zu locken und echt zum Nachdenken zu animieren.

Eine Internet-Adresse stand da auch, www.mehr-als-du-glaubst.de. Vor meinem geistigen Auge erschien sofort gänzlich wundersam die betreffende Homepage, "Die Kanzel im Web" genannt. Zwar brauchte man für den Heiligen Geist online Soundkarte, Lautsprecher und Flash4 Plug-In, aber das war in meinem transzendierten Zustand, zudem leicht alkoholisiert, nun wahrlich kein Problem.

Ich las und las und las. Betrachtete elektronische Meditationen, animierte Web-Andachten. "Religion braucht Ausdruck". "Religion braucht Bewegung", Religion braucht gute Taten", "Religion braucht Verzicht". Eine Agentur für kirchliche Kommunikation hatte ganze Arbeit geleistet, die Sorgen und Nöte meiner Generation enorm lässig auf den Punkt gebracht und zielgruppenspezifisch aufgearbeitet. Viele bunte Bildchen. Fragen, Antworten, Hinweise. Auch Lehrreiches. Ich erfuhr, dass wir unsere Jahre nach Christi Geburt zählen, "nicht nach Alexander dem Großen, nicht nach Cäsar, nicht nach Lenin." Das fand ich lustig und gluckste ein wenig in das Abflussrohr.

Ich las kluge Sätze wie "Anonym geht die Welt zugrunde" und malte in einem Akt dezidierter Selbstfindung und engagierter Meinungsäußerung meinen Namen an die Kacheln. Ich las: "Manchmal passt einfach alles. Fast genauso oft bleiben alle Fragen offen." Ja, genauso ist es doch! Ich fühlte mich in meinem Innersten erkannt und rülpste zustimmend. "Und doch bleibt eine Ahnung, dass wir auf dem richtigen Weg sind." Danke, danke, Hoffnung im Klo, Hoffnung in der Nacht.

Doch dann: "Eindeutige Wege sind meistens verdächtig. Es gibt keine Null-acht-fuffzehn-Lösungen für das, was wir zu bewältigen haben. Aber was ist richtig? Was ist falsch?" Genau! Was ist richtig? Was ist falsch? Ich schwankte. "Das müssen wir zusammen herausfinden. Immer wieder." Genau, zusammen, gemeinsam. Neben mir stand ein Typ. Wollte er mit mir den richtigen Weg rausfinden? Nein, er wollte nur pissen.

Ich wurde sehr emotional, meine Augen brannten. "Aber Tränen sind uncool", stand da auf der imaginierten Seite, aber das war nur eine Falle, denn gefolgt wurde das von einem tröstlichen "Na und?!" Genau. Ich weinte ein wenig. Dann fühlte ich mich gleich besser.

"Religion braucht Hände", das stand da auch noch. Das erinnerte mich daran, wo ich war und was ich gerade tat. Ich schüttelte ab, packte ein, wusch die Hände. Dann ging ich nach draußen, geläutert, beseelt, und bestellte, um den Anfang meines neuen Lebens symbolisch adäquat zu zelebrieren, ein Glas Wein.

Magdi Aboul-Kheir


MichaelJackson - 10.03.2004 - 10:41

Das Analphabet

Während einer meiner tiefnächtlichen Surfzüge durch die Untiefen des Internets geriet ich außerordentlich versehentlich auf eine Seite voller unbekleideter Menschen. Da Neugierde laut Horoskop auf der Würfelzuckerpackung zu den positiven Eigenschaften gehört, schaute ich mich ein wenig um. Kann ja nicht schaden.

Doch ich war nicht vorbereitet auf das, was mir dort vor die Augen kam. Keine Skurrilitäten menschlicher Kopulation, kein unappetitlicher Ulk mit Körperteilen, kein geschmackloser Angriff auf unsere Kreditkarten. Was ich dort antraf, war: Lyrik. Wahre Schönheit der Worte.

Gestoßen war ich auf eine Linksammlung. Aufgezählt waren Adressen nicht abseitiger, doch rückwärtiger Vergnügungen, unter dem profan-englischen Titel "anal links". Doch bei genauer Betrachtung offenbarte sich ein Sprachkunstwerk. Diese Vielfalt im Immergleichen, diese Wucht der Quantität, diese Intensität im scheinbar Profanen! Grandioser Minimalisus, authentische Popp-Art.

Im Folgenden der Original-Text. Er ist lediglich in freie Versform gebracht worden, um den angemessenen Vortrag (oder das Vorsingen), was ihm zweifelsohne zukommt, zu erleichtern. Das Werk lautet:

Das Analphabet.

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Magdi Aboul-Kheir

MichaelJackson - 11.03.2004 - 13:11

Svetlana, die dofe Vorze, und mein Zuludong

Sex, ja, ja bitte. "Svetlana, du geile Luhder", stand seit Wochen an einer Schaukel auf dem verlotterten Spielplatz im Park. Spuren einer sorglosen jungen Lust, eines unbeschwerten Glücks. Doch es ist etwas vorgefallen im Liebesleben von Svetlana und ihrem anonymen schaukelbekritzelnden Lover. "Svetlana, du geile Luhder" ist durchgestrichen. Stattdessen ist da jetzt zu lesen: "Svetlana, du dofe Vorze!"

Sex, ja bitte. Die tägliche Lyrik in der Mail:
Are you satisfied with the smallness of your love muscle?
Feeling depressed about the size of your love tool?
Unhappy with your short-comings?
Click here to enlarge length and widsth of your Willy!
Beef up the size of your Johnson!
Get the real Zuludong!

Habe ich einen Johnson? Einen Willy? Einen Zuludong habe ich, glaube ich, nicht. Muss mal nachsehen. Muss mal nachschlagen: Was ist ein Zuludong überhaupt? Google liefert für "Zuludong" 19 Treffer. Wir vergleichen: Für "Zimtschnecke" vermeldet Google 294 Treffer und für "Hermeneutische Textanalyse" 744. Für "Strapsluder" hingegen 12.000, für "Versaute Spiele" 285.000 und für "Blasen" 5,73 Millionen Treffer.

Sex, ach ja. An Raststättentoilettenkacheln lese ich Nachrichten wie "Ficke alles" plus Handynummer. Ficke alles, nicht: ficke jeden? Sex-Kolumnisten diskutieren darüber, ob Blasen mit heißem Basmatireis im Mund oder doch mit lauwarmem Uncle Benz angenehmer wäre. Angenehmer für ihn? Für sie? Für den Reis?

Sex, immer und überall. Ob man will oder nicht. Ich zum Beispiel will nicht immer und überall. Nicht mehr. Die Zeiten, als ich mich mit Mottenschutzpapier abrieb, weil laut Verpackung Sexuallockstoffe enthalten waren, sind lange vorbei. "Abstinenz ist für junge Leute ein sicherer Weg, sexuell übertragbare Krankheiten zu verhindern", spricht US-Präsident Bush und will für Enthaltsamkeitsprogramme 270 Millionen Dollar jährlich ausgeben.

Sex, ich weiß nicht. Ist Kaffee nicht besser als Viagra? Bush hat recht: Für 270 Millionen Dollar gibt es viel mehr heißen Kaffee als lauwarme Viagraständer. Aber liegen Koffein und Kopulation nicht nahe beieinander? Eine Umfrage wollte kürzlich wissen: "Wie viele Deutsche denken bei der Frage: 'Kommst Du noch mit hoch auf einen Kaffee?', dass es sich um ein sexuelles Angebot handelt?" Das Ergebnis: 30 Prozent. Was so interpretiert wurde: Nicht einmal jeder dritte Deutsche denkt bei Kaffee an Sex. In Auftrag gegeben wurde die Studie von einem Kaffeeröster. Nicht nachgefragt wurde der umgekehrte Sachverhalt: "Wie viele Deutsche denken bei: 'Kommst Du noch mit hoch zum ficken?', dass sie einen Kaffee bekommen?" Vielleicht aber hätte das erklärt, weshalb das Tchibo-Symbol eher wie ein müdes Spermium denn wie eine duftende Kaffeebohne aussieht.

Sex, ach früher mal. Aber weshalb gab es, als ich jung und saftig war und nach Mottenschutzpapier roch, in meinem Leben keine dofe Vorze Svetlana? Weil ich keinen Zuludong habe? Kürzlich hörte ich, wie ein etwa 16-Jähriger auf der Straße zu seinem Freund sagte: "Ey, ich habe die Alte gestern voll gefickt. Hat jetzt Gehirnerschütterung." Wer kann da schon mithalten?

Magdi Aboul-Kheir

MichaelJackson - 12.03.2004 - 14:03

Die Weisheit der Güle-Güle-Oma

Einen schönen, guten Tag wünscht mir der Idiot auf der Straße. Mein Tag ist nicht schön, und gut ist er schon gar nicht. Soll er auch gar nicht. Mein Tag ist nicht schön, mein Tag ist nicht gut, und das ist auch gut so, frei nach Herrn W. aus B.

Ich tapere ja auch nicht durch die Gegend und wünsche jedem einen schönen Tag. Manchem wünsch ich noch nicht einmal einen Tag. Ständig dieser anmaßende Begrüßungsoktroyismus! Was, wenn jemand selbstmitleidig einen gediegen beschissenen Tag zelebrieren will? Einen traumhaft herrlich schönen, guten beschissenen Tag?

Noch schlimmer, hier in Süddeutschland: Grüß Gott. Nein, danke, erst später. Und dann das Danken: Vergellt's Gott. Früher verstand ich: Vergällt's Gott. Das ist immerhin komisch.

Was ist an hi, ciao, servus, salve, moin, yo auszusetzen? Wieso nicht ein wertneutrales Hallo? Notfalls sogar Hallolo, wie der computeranimierte Volldepp Jar-Jar in Star Wars Episode 1 jede andere Kreatur grüßt. Warum nicht schweigend lächeln, salutieren, den Hut lüften, sich gegenseitig die Zunge in den Hals schieben? Japaner verneigen sich. Die Polynesier beschnuppern sich gegenseitig die Wangen. Die Loango im Kongo klatschen in die Hände und trommeln sich mit den Ellbogen auf die Rippen.

Der berufjugendliche Sprecher meines derzeitgen Lieblingssenders im Radio wünscht mir zwar keinen wie auch immer gearteten Tag, dafür begrüßte er mich neulich mit "Schalömchen und Schubidu". Der Sender hat ja wohl ausgedient, Schalömchen und Schubidu, aber hallolo und noch einen schönen, guten Tag.

Den Fernseher an. "Der Dax zeigt sich heute nur mäßig erholt, die Chemiewerte geben kräftig nach, nur die Automobilbranche gibt positive Signale an die Anleger, die Wetteraussichten: trübe und kühl, guten Tag meine Damen und Herren." So oder so ähnlich wird der deutsche Medienbenutzer tagtäglich begrüßt. Erst die Schlagzeilen, dann der Gute Tag. Man stelle sich das einmal im privaten Umfeld vor, etwa auf einem Familienfest. "Onkel Georg leidet immer noch unter den Folgen seines Schlaganfalls, kann aber wieder erste Sätze von sich geben. Vetter Heinz ist dagegen beim Fremdgehen mit seiner Sekretärin ertappt worden, seine Frau hat die Scheidung eingereicht. Guten Tag, Tante Luise."

Da lobe ich mir doch die Güle-Güle-Oma. Die Güle-Güle-Oma ist eine ältere türkische Dame, die die Kausalitäten unseres Alltags merklich hinter sich gelassen hat und die meiste Zeit auf einer Bank im Stadtpark verbringt. Die Güle-Güle-Oma trägt ein ehemals geblümtes Kleid, Kopftuch, Schlappen und ihre Habseligkeiten in einer Drogeriemarkt-Tüte mit sich herum. Zur Begrüßung sagt sie zu jedem freundlich "güle, güle", was auf Türkisch "Auf Wiedersehen" heißt. Auch sonst sagt sie regelmäßig freundlich "güle, güle" - egal, ob Tauben zu ihren Füßen landen, ob sie mit einem immer wieder überraschten Blick ihre Besitztümer, zumeist Werbeprospekte, aus ihrer Tüte zieht, oder ob Kinder ihr mit einem Stock auf den Kopf hauen.

You say goodbye and I say einen schönen, guten Tag noch, frei nach den Beatles. Und güle, güle.

Magdi Aboul-Kheir

Ch4v3Z - 17.03.2004 - 19:05

Leere sehen, Stille hören

Da liegt seine Ersatzbrille. Mit den Bügeln nach oben. Wie griffbereit neben dem Computer, so als ob sie nur kurz abgelegt wurde und jederzeit wieder aufgesetzt wird.

Wir sind erschüttert, Ihnen mitteilen zu müssen, dass unser Kollege C. bei einem Autounfall ums Leben kam. Die Mail aus der Chefredaktion, von heute morgen.

Gestern morgen war C. noch unterwegs, in Afrika, im Urlaub. Ein Ausflug im Kleinbus. Schotterpiste, Reifenplatzer, Auto überschlägt sich.

Bei einem Busunglück in Namibia sind zwei Urlauber aus Deutschland und Schweden ums Leben gekommen und mehrere andere schwer verletzt worden, vermeldet dpa. Er ist aber nicht irgendein Urlauber. Er ist mein Kollege, politisch durchaus auch mal weiter entfernt, menschlich viel näher. Sein Schreibtisch direkt an meinen anstoßend, unsere Bildschirme zwei Meter auseinander, unsere Telefone einen Meter, ganz oft Augenkontakt zwischen dem Lesen, Tippen und Telefonieren.

Mitten aus dem Leben gerissen, schreibt der Ressortleiter gerade in seinem Nachruf. Mitten aus unserem Raum gerissen. Sein gelber Praxisduden steht auf dem Kopf, aber C. wird kein Wort mehr nachschlagen und sich über die Rechtschreibreform wundern. Eine Kassette liegt auf einem Hauspostumschlag, aber er wird das Interview nicht mehr abhören. Papiere, Stifte, eine Schere, die Maus auf einem blauen Mousepad. Und da liegt seine Ersatzbrille. Mit den Bügeln nach oben. Wie griffbereit neben dem Computer, so als ob sie nur kurz abgelegt wurde und jederzeit wieder aufgesetzt wird. Aber wer soll das tun?

Mitten aus dem Leben gerissen, das ist so eine Floskel, aber heute so spürbar, greifbar wahr.

Ich sehe C. Kaffee trinken, ich höre sein durchdringendes, ansteckendes Lachen.

An manchen Tagen kann man Leere sehen.

Man kann Stille hören.

Da liegt seine Ersatzbrille.

Magdi Aboul-Kheir

1079546790]

Ch4v3Z - 17.03.2004 - 19:08

Lamatrekking im Erzgebirge mit Himpel und Pimpel

Britney-Celine hat ein paar großartige Tarifangebote bekommen. Kürzlich ist sie in eine neue Wohnung gezogen und hat sofort an die neue Adresse Post von der Telekom bekommen. Britney-Celine, die sehr geehrte Kundin, ist zwar erst drei Wochen alt und nicht einmal im Besitz eines Babyphons, aber egal, außerdem ist sie bereits daran gewöhnt, von der Wirtschaft umworben und umschmeichelt zu werden.

Kiloweise werden Britney-Celine und ihre Eltern mit pädagogisch wertvollen und höchst kindgerechten Schnäppchenangeboten versorgt. Da grüßt die Si-Sa-Singemaus, und schon entdecken und erlernen wir tönend die Welt, zum Beispiel "Wickeln leicht gemacht" mit dem Gassenhauer "Himpel und Pimpel". Die Gratis-CD "Milumil-Schlaflied-Hitparade" macht die Entscheidung "Kaufen oder in den Müll damit?" noch leichter.

Ebenso unwiderstehlich ist das "Goldfüßchen-Bastelset" zur originalgetreuen Reproduktion eines Babyfußes - wie uns versichert wird, ein Werk von höchster Qualität und "bleibender Anmut". Mit einer Technik, die "die kleinen Lebenslinien und Fältchen interessant hervorhebt". Das wird nur noch übertroffen vom edlen Geburtsteller aus Zinn. Meisterhafte Reliefprägung nach altem Motiv, made in Bavaria. Familiengeschichte, unauslöschlich eingraviert oder von Meisterhand auf feines Porzellan gemalt. Wer vier Teller nimmt, zahlt nur 29 Euro pro Stück. Wer keinen Teller nimmt, dem entgeht die "Freude, die man sich heute schon mit diesem kostbaren Schmuckstück selbst bereitet" und die "Gewissheit, dass ein solches Dokument die Zeiten überdauert". Das kann man ja nicht nicht haben wollen.

Aber gleich weiter und willkommen im "Pips-Club"! Mit einem gewissen Abnahmezwang kann man ja gar nicht zu früh beginnen, am besten schon mit einem Monat. Es freuen sich Pips, das kleine Eichhörnchen, Pito, das Hündchen, Boris, das Bärenkind und "viele andere neue Freunde". Zum ankreuzen: "Ja, ich melde mein Kind im Pips-Club an". Die rein formell notwendige Alternative "Nein, leckt mich am Arsch" haben die Pips-Club-Macher allerdings vergessen.

So viele schöne Sachen und, man glaubt es nicht, so viele davon auch noch umsonst. Zum Beispiel den Otto Katalog, nein gleich zwei Otto-Kataloge, "einer für meine Mutti und einer für mich", dazu viele wunderbare Werbepräsente wie das "persönliche Pampers T-Shirt für Ihr Baby".

Zähne sind zwar noch nicht in Sicht, macht aber nichts, auf die Kleine warten schon die lustigen Rezepte vom lustigen Käpt'n Iglu für lustige Strandpiraten und Hosenscheißer, etwa "Mampfi", die Mozzarella-Raupe, der tolle Knusper-Dino und die Schatzinsel für den großen Piratenhunger mit lecker Tiefkühl-Brokkoli und superlecker Instant-Gemüsebrühe.

So ein junges Leben voller Luxus ist freilich anstrengend. Ein Glück, dass es Babyurlaub bereits ab dem siebten Lebenstag gibt. Maßgeschneiderte Erholung mit Schmankerln wie "Freds Swim-Academy", "Hokus-Pokus-Zauberschule" und "Smileyplexx-Kino". Oder gleich den Familienurlaub in Sachsen buchen, mit Knüllern wie "Lamatrekking im Erzgebirge".

Britney-Celine kann es kaum erwarten.

Magdi Aboul-Kheir

Ch4v3Z - 17.03.2004 - 19:10

George W.s onomastische Offensive

Saddam hier, Sassam dort, Saddam fort. George W. hat Saddam Hussein eine verheerende Niederlage beigebracht - schon lange vor Kriegsbeginn. Mr. President hat den irakischen Diktator einer nachhaltigen Namenskastration unterzogen; er hat den Gegenspieler der so genannten freien Welt konsequent saddamisiert, ihm einen Teil der sicht- und hörbaren Persönlichkeit entzogen. Im Falle George W.s wäre zwar ein profanes Intonationsproblem naheliegend ("Hussein?", "Husse-in?", "Who is in?"), aber weder das noch etwaige Pietät gegenüber Jordaniens verblichenem Monarchen Hussein ist die Ursache. Es geht um Herrschaft, auch an rhetorischer Front. "Saddam", das klingt auf Englisch wie ein Fluch. Mit einem Kaugummi im Mund gar wie "The Damned".

Zur Antike war die Herrschaft und Vorherrschaft der Vornamen Norm. Die alten Karthager Hannibal, Hastrubal und Hamilkar, sie hießen halt so. Bis ins Mittelalter änderte sich da nicht viel. Zuweilen gesellte sich ein Adjektiv hinzu: "der Große" (Alexander), "der Kahle" (Karl), "das Kind" (noch ein Karl). Doch Alphabetisierung, Säkularisierung, Demokratisierung und Industrialisierung kamen, und mit ihnen mehr Mächtige mit Nachnamen, und mit ihnen wiederum differenzierte sich die Respektshierarchie in der Anrede. Der Vor- und Rufname zog sich vermehrt ins Private zurück. Tritt heute ein Vorname als öffentliche Bezeichung in Erscheinung, ist Signifikantes geschehen - jenseits von Popstars, Päpsten und Blaublütern.

Hitler, Synonym des hässlichen Deutschen, Ikone des Bösen, wird gern verharmlosend zum Adolf. Nicht unter Hitler, sonderm "unterm Adolf wäre das nicht passiert". Und der Adolf hat auch die Autobahnen gebaut. Wenn, wie kürzlich, ein deutscher Springreiter auf Adolf siegreich durch den Parcours galoppiert, lässt das aufhorchen - war wohl ein Brauner, der Vierbeiner.

Die onomastische Saddamisierung ist also nicht mit der geschichtsklitternden Adolfisierung des Mörderischen zu verwechseln, und auf keinen Fall mit der Vornamensliebkosung der Art Boris (nicht Jelzin) und Steffi. Die bedeutet zärtliche Vertrautheit mit dem Volksidol, geht mindestens zurück auf Fußballerschädel "Uns Uuuuwe" und lebt in Gestalt der Teamcheftante Käthe "Ruuuudi" weiter. Und der ewige Kanzler Kohl, vorzugsweise als "Birne" veräppelt, wurde wiedervereinigungspopularisiert vor allem in den neuen Ländern zum "Helmut". Da kann sein Nachfolger, seinen populistischen Trieben zum Trotz, nicht mithalten; der hat es abgesehen vom zwanghaften Genossen-Geduze auf Vornamenebene nur zum zweifelhaften Ruhm der Gerd-Show gebracht. Und Angi? Oh je. Guido? Oh je. Jürgen W. Oh weh, oh weh.

Von den großen Bösen entging übrigens ausgerechnet Adolfs Antagonist Stalin der Namensentwertung. Josef, der Schlächter? Da waren wohl die Katholiken vor.

Magdi Aboul-Kheir

Ch4v3Z - 17.03.2004 - 19:15

Repräsentative Unfragen

Osama bin Laden hat Adolf Hitler als meistgehasste Person abgelöst. Eine so lautende Meldung lief kürzlich über die oft und gern als seriös bezeichnete Reuters-Agentur.

Nochmal, weil es gar so reinfetzt und das Kleinhirn würgt: Osama bin Laden hat Adolf Hitler als meistgehasste Person abgelöst. Mensch, da wurde unser Obernazi aber ganz schön abgezockt von diesem Terrormullah. Wie die neugierige Öffentlichkeit erfährt, landete Saddam Hussein nur noch auf dem dritten Rang. Da bleibt unter den Meistgehassten nunmehr leider, leider kein Treppchenplatz mehr für den alten Stalin. Von Attila, Jar Jar Binks und Lothar Matthäus ganz zu schweigen.

Fragen kostet nichts, Umfragen sind also billig. Und daher beliebt. Wer ist die schlechtfrisierteste Schauspielerin, der erotischste Gewichtsheber? Duschen Sie nackt? Gehen Sie mehr als zehn Mal wöchentlich fremd? Sollen ZDF-Moderatoren den Cent "Sent" oder "Zent" aussprechen? Und warum nicht "Kent"?

Auf Grundlage solch geistreicher, sozial relevanter und zuweilen brisanter Umfragen entstehen Bestenliste und Trend-Rankings, die uns helfen, in der heterogen-pluralistsich-postmodernen Welt den Überblick zu behalten und zeitgemäß zu agieren. Die Eventfarbe des Jahres (Blassmauve, Phettschwarz oder doch Popelgrün?), die Hautkrankheit des Jahres (die Schuppenflechte hat dem Vernehmen nach wieder gute Chancen; sieht nicht gut aus für die Krätze), und natürlich das Boxenluder des Jahres (Raum für eigene Eintragungen). Da ist es auch nicht mehr weit bis zu den geschätzten Focus-Rankings: die 100 besten Proktologen, die 100 besten Swinger-Clubs, alles für Sie getestet. Danke.

Achtung, es folgt ein Test. Nur bei einem - wirklich nur bei einem - der drei folgenden Umfrage-Ergebnisse handelt es sich um eine Erfindung:

20 Prozent aller Männer täuschen beim Onanierien den Orgasmus lediglich vor.
14 Prozent aller Hunde erkennen beim Fernsehschauen in Jürgen W. Möllemann einen Artgenossen und markieren sofort das TV-Gerät.
Nur 3 Prozent aller Frauen machen sich schön, um anderen zu gefallen.

Auflösung: Erfunden ist die Aussage Nummer... ach, egal.

Fragen kostet nichts, Antworten aber ebenso wenig. In einem ntv-Straßeninterview wurde ein Passant kürzlich hiermit konfrontiert: "In den Niederlanden wird BSE jetzt legalisiert. Was halten Sie davon?" Antwort des Mannes nach längerem Grübeln: "Ja, ja, das kann man schon machen."

Vielleicht hat der Mann recht.

Nachbemerkung: Bei einer repräsentativen Umfrage unter drei Lesern bewerteten 33,3 Prozent diese Kolumne als "amüsant", ein Drittel fand sie "nicht amüsant". Der Rest antwortete "weiß nicht".

Magdi Aboul-Kheir

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