Geschrieben von: gisi (cm117-60.liwest.at, 212.241.117.60) am Montag, 15. Dezember 2003, um 18:57
Leben, Spielen & Lernen im Ausnahmezustand
Vom Umgang mit der folgenreichen Erkrankung ADHS
Modediagnose, Zivilisationskrankheit oder ernsthafte Erkrankung? Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS und vor allem deren medikamentöse Behandlung werden in der Öffentlichkeit zum Teil kontrovers diskutiert. Doch was steckt wirklich hinter dem „Mythos ADHS“? Wie gestaltet sich das Leben mit ADHS in Familie, Schule und Freizeit? Wie kann ADHS behandelt werden? Welchen Stellenwert haben Medikamente in der Therapie? Diese Themen wurden auf einem Diskussionsforum besprochen, zu dem die Concertierte Aktion ADHS am 30. Juni ins Hamburger Schulmuseum geladen hatte.
ADHS-Kinder können nicht lange bei der Sache bleiben, sind meistens ständig in Bewegung und lassen ihren Gefühlen freien Lauf, sofort und ohne Rücksicht auf die Umgebung. Doch ab wann wird das zur Krankheit? Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Huss machte deutlich: Von ADHS spricht man erst dann, wenn Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Schwierigkeiten der Impulskontrolle über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten und in verschiedenen Lebensbereichen wie Familie, Schule, Freizeit oder bei der Untersuchungssituation auftreten.
Mythos ADHS – was stimmt wirklich?
Bereits 1846 beschreibt der Nervenarzt Heinrich Hoffmann in seinem „Struwwelpeter“ mit dem immer unruhigen „Zappelphilipp“ und dem träumerischen „Hans guck in die Luft“ anschaulich die typischen Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern mit Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen. ADHS ist also offensichtlich kein Problem unserer modernen Zeit. „Aufmerksamkeitsgestörte und hyperaktive Kinder hat es schon immer gegeben, nur die Bezeichnungen waren andere“, erklärte der Kinderarzt Dr. Klaus Skrodzki.
Der Kenntnisstand über die Ursachen der Erkrankung ist deutlich fortgeschritten: Heute weiß man, dass bei ADHS genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Die stark erbliche Komponente der Erkrankung zeigt sich auch in dem gehäuften Auftreten von ADHS in vielen Familien – insbesondere bei männlichen Verwandten ersten Grades. Wie stark sich die ADHS-Symptome tatsächlich ausprägen, entscheiden neben den erblichen Faktoren auch die Lebensumstände, denen die Kinder ausgesetzt sind. „Ist die Anlage für ADHS vorhanden, dann kommen eine Fülle von äußeren Faktoren dazu, die diese Anlage verstärken oder abschwächen können“, verdeutlichte Dr. Skrodzki.
Leben mit ADHS in Familie, Freizeit & Schule
„Machen Sie sich keine Sorgen, Ihr Sohn hat genug im Kopf, der wird seinen Weg schon machen“ – „Warten Sie einfach ab, das wächst sich alles aus“ – solche oder ähnliche Antworten erhielt Ulrike Vlk als sie wegen der Schwierigkeiten mit ihrem Sohn um Rat fragte. Doch zu Hause wurden die Probleme immer drängender und stellten schließlich die gesamte Familie auf eine enorme Belastungsprobe. „Die Kritik, sein Kind nicht richtig zu erziehen, ist natürlich noch zusätzlich schlimm“, schilderte sie ihre Lage. Studien haben gezeigt, dass Eltern von ADHS-Kindern häufiger an Stress-Symptomen, Schuldgefühlen, sozialer Isolation, Depressionen und Ehekrisen leiden, als Eltern gesunder Kinder.1
Die Schwierigkeiten verstärken sich oft mit dem Eintritt in die Schule, wenn die Kinder gezwungen sind, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren und sich einem festen Regelsystem zu unterwerfen. Für die meisten ADHS-Kinder ist die Schulzeit eine Leidenszeit: Ihr innerer Motor macht ihnen eine andauernde Konzentration unmöglich, sie fallen auf durch permanentes Stören und ständige Flüchtigkeitsfehler sorgen für schlechte Noten. „ADHS-Kinder werden schnell als lernbehindert eingestuft und landen auf der Sonderschule, wo sie von ihrer Begabung und ihrem Intelligenzniveau her oft gar nicht hingehören,“ zeigte Monika Gysi, Lehrkraft an der Berliner Nahariya-Grundschule, die Gefahren auf.
„Mit dir spielen wir nicht mehr!“ bekommen ADHS-Kinder oft beim Spielen am Nachmittag zu hören, denn die dauernde Unruhe, die Sprunghaftigkeit und die mangelnde Konzentrationsfähigkeit stören auch das Spielen und führen schnell bei anderen Kindern zur Ablehnung. „Für die normale Entwicklung der Kinder ist insbesondere auch der Aufbau von sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen während der nachmittäglichen Freizeitaktivitäten wichtig“, erläuterte Dr. Skrodzki. Durch die motorische Unruhe und die impulsiven Handlungen neigen ADHS-Kinder häufig zu waghalsigen Aktionen und dadurch öfter zu Unfällen als gesunde Kinder. Da wird nicht nur der Straßenverkehr, sondern schon der Spielplatz schnell zur Gefahrenzone.
Der (schwierige) Weg von der Diagnose zur Behandlung
Die Diagnose ADHS – durch einen Kinderarzt oder einen Kinder- und Jugendpsychiater – ist sehr komplex und braucht Zeit, da idealerweise Informationen zum Verhalten des Kindes aus Familie, Kindergarten oder Schule zusammengetragen werden sollten. „Nur aus diesem Gesamtbild kann eine korrekte Diagnose gestellt werden“, betonte Dr. Skrodzki. Jedoch nicht in allen Fällen muss mit Medikamenten behandelt werden. Sind die Symptome nur gering ausgeprägt, können bereits ein Elterntraining oder eine Verhaltenstherapie ausreichen. Entscheidend für die therapeutische Wahl ist der Leidensdruck des Kindes selbst und seiner Umgebung. „Wenn die Gefahr droht, dass das Kind keine Freunde mehr hat, die Familie sozial isoliert wird und die Schulausbildung nicht abgeschlossen werden kann, dann sollte auch eine medikamentöse Behandlung in Erwägung gezogen werden,“ erläuterte Barbara Högl, Vorsitzende des Bundesverbandes Arbeitskreis überaktives Kind e.V.
Stellenwert einer medikamentösen Therapie
Als wirkungsvollste Medikamente zur Behandlung von ADHS gelten sogenannte Stimulanzien, die seit den fünfziger Jahren erfolgreich eingesetzt werden. Man weiß heute, dass mit diesen Medikamenten gezielt der Mangel an Botenstoffen in den betroffenen Hirnregionen ausgeglichen wird, so dass für die Dauer der Einnahme die Symptome kontrolliert werden können. ADHS ist jedoch nicht grundsätzlich heilbar, so dass die Wirkung auf die Symptome nur solange anhält, wie Medikamente genommen werden. Durch neue Arzneimittelentwicklungen ist es heute möglich, eine Ganztageswirkung durch nur noch einmal tägliche Medikamentengabe zu erzielen. „Das ist hilfreich, da es insbesondere ADHS-Kindern schwer fällt, mehrmals am Tag an die Einnahme der Tabletten zu denken“, so Dr. Huss.
Die Entscheidung für eine medikamentöse Therapie fällt den Eltern in der Regel nicht leicht. Stellen die Medikamente mein Kind ruhig? Gibt es eine Suchtgefahr? Das sind die Fragen, mit denen sich besorgte Eltern vor Beginn einer medikamentösen Behandlung an den behandelnden Arzt oder eine Selbsthilfegruppe wenden. Barbara Högl stellte klar: „Eine medikamentöse Behandlung sollte nur nach sorgfältiger Diagnose und in Rückkoppelung zwischen Arzt, Eltern und Lehrern stattfinden. Bei fachgerechter Anwendung können Medikamente betroffenen Kindern helfen, ihre Potenziale besser auszuschöpfen. Medikamente sind aber niemals allein die Problemlöser, betonte Barbara Högl. „Sie bieten bestimmte Chancen – es liegt an uns, wie die Kinder sie nutzen können und wie wir als Erwachsene sie nutzen. Wichtig ist vor allem die Verbesserung des psychosozialen Klimas im Umfeld der ADHS-Kinder und die Zusammenarbeit aller Beteiligten“.
Studien haben gezeigt, dass eine medikamentöse Behandlung im Kindes- und Jugendalter das Risiko einer späteren Zigaretten-, Alkohol- oder Drogensucht sogar vermindert.2 Als schützende Faktoren sieht Dr. Huss, dass die Kinder durch die Behandlung in der Schule verbleiben können, das Elternhaus nicht zerbricht und die Kinder sozial besser integriert sind.“
Die Diskussionsteilnehmer kamen in Hamburg einhellig zu dem Schluss: ADHS ist längst kein Mythos mehr. Man weiß heute, dass es sich um eine Funktionsstörung im Gehirn mit stark erblicher Komponente handelt. Trotzdem halten sich in der öffentlichen Meinung immer noch die Vorurteile vom „Erziehungsfehler“, der „Modediagnose“ und der „Psychodroge“. Barbara Högl appellierte daher eindringlich: „Eine sachliche und differenzierte Darstellung von ADHS in der Öffentlichkeit trägt entscheidend dazu bei, dass die Erkrankung frühzeitig diagnostiziert und angemessen behandelt werden kann – ohne Stigmatisierung der Betroffenen und ihrer Familien“.
Die Concertierte Aktion ADHS, eine Initiative von Janssen-Cilag, hat es sich zur Aufgabe gemacht, fundiert und sachlich über ADHS zu informieren, den Dialog zwischen den Interessengruppen rund um ADHS zu fördern und Unterstützungsangebote für Eltern, Lehrer, Ärzte und andere therapeutische Gruppen zu entwickeln.
Janssen-Cilag fördert die Concertierte Aktion ADHS, weil das Krankheitsbild ADHS sehr komplex ist und nur durch die Gabe von Medikamenten allein – ohne angemessene Einbeziehung des gesamten Umfelds – nicht ausreichend behandelt werden kann. Darüber hinaus gilt es, Vorurteile in der Gesellschaft, denen sich die Betroffenen ausgesetzt sehen, abzubauen. Dafür stellt das Unternehmen nicht nur eine patientengerechte medikamentöse Therapie bereit, sondern engagiert sich mit der Concertierten Aktion ADHS für eine bessere „Behandlung” von Krankheit und Betroffenen im übergreifenden Sinn.
Literaturangaben:
1 – Murphy K, Barkley R. Orthopsychiatry 66: 93-102, 1996.
2 – Wilens et al. Pediatrics 111: 179-185, 2003.