Der inhalt wird, wie der titel schon sagt, die Kolumnen von Harald Schmidt umfassen, seitdem ich den focus abonniert habe.
Also bitte kein spamen oder so wenns den sein muss, macht nen neuen thread auf. thx
MfG, medium
Es ist 14:28 Uhr, als das Hefeweizen vor mir auf dem Tisch gestellt wird. Im perfekten Abstand, präziser Zugriff ist möglich. Schnell und unbürokratisch. Luft elf Grad, in Deutschland Grund genung, im Freien zu sitzen. Man darf feststellen: Werktags hat man mehr vom Biergarten. Licht und Luft, wo am Wochenende Männer in Hilfigerschuhen den Arm um Frau in Fleecejacken legen. Man kuschelt, ist aber noch nicht ganz im Frühling angekommen. Ein scheues Lächeln leigt auf den Gesichtern, aber die Schultern sind noch hochgezogen. Die wissenschaftlich korrekte Wetteranalyse: Es ist noch kühler, als es aussieht. Blasenkatarrh, Harnwegsinfektion, Nierenbecken - ein kräftiger Schluck Hefeweizen spült derart nephrologisches Vokabular gleichsam runter. Den beiden Paaren an den Nebentischen sieht man an, dass sie sich im Winter kennen gelernt haben. Sie haben so was Kneipiges oder Fetiges. Sie wirken bleich und murmeltierig, aber bereit für die Knospen. Mit ihrer Gabel stochert sie in seinem Schafskäse. Das geht - wenn überhaupt - nur in den ersten Wochen. Wenn sie sein Hemd anzieht und er ihren Schal. Wenn sie, zusammengebunden durch den Schal, Kopf an Kopf durch die Altstadt laufen.
Ein Tisch weiter steht eine Winterverliebte auf. Sie muss mal wohin. Bevor sie sich zwischen den Stühlen durchgezwängt hat, lässt sie sich noch mal mit dem Oberkörper von hinten über seinen Kopf fallen.
Sie knuddelt ihn. Ganz toll. Ihre Schuhe sehen aus wie esoterische Springerstiefel. Er hat leicht filzige Eishockeyprofihaare und den sanft verhämten Gesichtsausdruck von jemandem, der zu lange Leistungssport in der Regionalliga betrieben hat. Die letzten Schritte vor der Kneipe geht sie rückwärts. Sie hüpft. Sie hat sich viel kindliches bewahrt. Sie ruft: "Nicht weggehen, versprochen?"
Auftritt das Ehepaar in den Sechzigern. Er geht fünf Meter vor ihr, ist aber Deutscher. Eindeutig. Er trägt seine selbsttönende Brille aus der Zeit, als die Kasse noch dazubezahlt hat. Sein Teint beweist, dass es zu spät war, mit dem Rauchen aufzuhören. Sie trägt dunkelblaue Wildlederschuhe, die den depressiven Gesamteindruck noch verstärken. Mit der Hand deutet er stumm auf mehrere freie Plätze. Durch Kopfnicken deutet sie die Entscheidung an. Nach so vielen Ehejahren hat sie das Recht auf freie Sitzplatzwahl. Sie sitzen sich gegenüber. Sie dreht den Kopf links und rechts. Dann steht sie auf und setzt sich neben ihn. Sie will Sonne im Gesicht. Sechstausend Kilometer entfernt, in Indien, boomen die Call-Center. Die Mitarbeiter werden auf englisch oder texanischen Akznet gescchult, je nach Kundenkreis. Herzoperationen kosten ein Drittel. Ludwig Stiegler ist neuer Vorsitzender der bayerischen SPD. Immer häufiger werden Container in Europa verschrottet, nachdem sie Waren aus Asien geliefert haben. Es gibt zu wenig Waren aus Europa für Asien. 15:17 Uhr, das nächste Weizen wird geliefert. Was geschieht, wenn die Industrie den Arbeitsplatz der Bedienung ins Ausland verlagert? Wird meine Generation dann die erste sein, die sich das Weizen selber holen muss? Nachmittags, aus einem deutschen Biergarten betrachtet, erscheinen die Verantwortlichen in Berlin eine Spur zu sorglos.
Billigkreuzfahrt
Jetzt droht auch noch die Billigkreuzfahrt! Dem klassischen Kreuzfahrt-Fan muss es wie Hohn erscheinen, dass demnächst für 40 Euro pro Tag über die Weltmeere geschippert werden soll. Billigkreuzfahrt ist ein Widerspruch in sich. So wie Vollbeschäschftigung. Der einzige Grund, sich an Bord eines Kreuzfahrtschiffs zu begeben, ist Luxus. Der wahre Kreuzfahrer will in seinem Reiseprospekt mehr Sterne sehen als am Firmament. Erstklassiges Personal, faszinierende Routen, drei Galadiners pro Tag und dazu das beste Showprogramm zwischen Rumänien und Acapulco - das alles will finanziert sein. Wie soll das gehen für´n Appel und ´n Euro.
Eine Kreuzfahrt ist kein leichtfertiges Freizeitvergnügen, sie ist eine Lebenshaltung. Für Kreuzfahrer ist Verdi noch ein Komponist und nicht rotes Käppi und Trillerpfeife. Beim Nachmittagstee in dezent klimatisierten Räumlichkeiten zum wohltemperierten Medley von "Anatevka" bis "Nabucco" ist der meistgehörte Satz: "Zum Glück habe ich meine Firma - wupp - rechtzeitig verkauft." Bei "wupp" schnippt der Verkäufer beiläufig mit den Fingerspitzen über den Unterarm, als wische er ein lästiges Insekt von seiner Haut. Die Zuhörenden nicken sanft und lassen die Gabel tiefer in die Schwarzwälder Kirsch gleiten. Dankbarkeit ist für sie kein Fremdwort. Wem in der Frist über Namibia die Aorta geplatzt ist, der hat die Endlichkeit menschlichen Daseins akzeptiert. Mona kriegt heut noch feuchte Augen, wenn sie erzählt, dass die Business zum Glück voll mit Gefäßchirurgen war, auf dem Weg zu einem Kongress nach Kapstadt. Das war kein Zufall, das war Schicksal. Dabei wollten sie und Hase schon aus der Kriche austreten. Hört man derart Ergreifendes auch auf Billigkreuzfahrten? Oder gibt es dort nur Zank, weil auf der 2000 Kilometer langen Busfahrt zum Abfahrtshafen die Stützstrümpfe knapp wurden? Unvorstellbar füe einen Repeater, der zum wiederholten Male die Weltmeere kreuzt, und zwar auf demselben Schiff. Diese Menschen erkennen sich auch in Badekleidung am Pool. Ist es die Aura? Ist es das wissende Lächeln? Ist es die kiloschwere Kombination aus Uhr und Schmuck, die nur die Armbewegung Leigestuhllehne-gereichter Waffelteller erlaubt?
Wir können nur rätzeln. Und welcher Repeater ist gar ein Weltreisender, der mehr als 150 Tage auf dem Schiff bleibt? Weil er beispielsweise die kurze An- und Abreise bis Barcelona und ab Nizza schätzt? Und wenn die Kinder von Rio bis zu den Osterinseln mit an Bord kommen, ist Weihnachten fast schon wie zu Hause.
Die einsame Königsklasse der Reisenden aber erreicht fast schon philosophische Dimensionen: Weltreisende, die ihre Kabine nicht verlassen! Wäre das nicht ein Modell für Deutschlands Zukunft, auch im Sinne von Ver.di? Egal, was draußen passiert, wir lassen die Tür zu? Billig ist es nicht, aber wahnsinnig erholsam.
Der heutige Einstieg ist ein Geschenk für alle, die Freude an mythischen Anklängen haben: Ab 1. Mai kann es dem Stier schon mal die Hörner auf halb acht drehen, wenn er Europa durchs gesamte Gebiet tragen muss.
Gut, das ist jetzt vielleicht nicht ganz korrekt. Schließlich war das geographische Europa schon immer was anderes als das Gebiet der EU. Aber man muss ja nicht jede tolle neue Idee gleich im Keim ersticken. Minister Stople wird wissen, was gemeint ist. Demnächst als zehn neue Mitgliedsstaaten. Herzlich willkommen! Leider muss festgestellt werden, dass die Kenntnisse darüber bei vielen Landsleuten arg trübe sind. Ausgenommen vielleicht Malta. Falke, Hilfsdienst, Schnaps - das weis auch, wer bei Herrn Jauch bereits in der ersten Runde drei Joker braucht. Aber selbst gebildete Zirkel tun sich schwer mit der Unterscheidung von Slowenien und Slowakei. Die Eselsbrücke "Denk dir mal ein Tschecho davor" kann helfen. Es schmerzt, auch politisch überkorrekte Narkoseärzte immer noch von der Tschechei reden zu hören.
Es heißt Tschechien, darf hier von Angehörigen einer Generation belehrt werden, für die Prager Frühling noch mehr bedeutet als bauchfrei und ultrakurz Minis. Doch besteht kein Zweifel: Europa wird auffallend schöner! Außergewöhnlich attraktive Frauen machen sich zum Beitritt bereit. Siehe Baltikum. Muss erwähnt werden, dass es sich hierbei um Lettland, Estland, Litauen handelt? Aus diesen Staaten berichten Reporter besonders gern. Während es aus anderen Ecken Europas schon mal heißen kann, dass Mütterchen noch am Ziehbrunnen Hackbrett spielt, während der Enkel am Laptop die Schafe hütet (zur Verdeutlichung der historischen Spannbreite), sind sich Reproter aus Lettland auffallend ähnlich: In Riga wandern Frauen, die nicht als Model geboren werden, freiwillig aus in die ehemalige Sowjetunion. Alle anderen - und das sind mehr als 100 Prozent - durchstöbern den ganzen Tag Designerboutiquen. Ab und zu gehen sie mal raus, schminken sich im Schatten von Jugendstilfassanden oder trinken Cappuccino vor 800 Jahre alten Kirchen. Die Näachste durchfeiern sie in ultrahippen Bars und Discos, obwohl sie am nächsten Morgen früh raus müssen. Nach Paris und Mailand. Dort reißt man sich zwar um sie, aber sie arbeiten nur kurz auf dem Laufsteg, weil sie vier Sprachen beherrschen und zwei Studien abgeschlossen haben (zwischen Boutiquen und Cappuccino). Da könnte es durchaus eng werden für manches deutsche Mädel, welches eher weinerlich auf das Schild starrt: "Achtung! Sie verlassen die Sonderwirtschaftszone Deutschland". Solche Schilder möchte Minister Stople jetzt zu Tausenden aufstellen lassen (produziert in Ungarn!). Daneben stehen kleine Holzhäuschen (aus Polen?), der so genannte "Checkpoint Mannie". Wer rauswill, kriegt einen Stempel. Wer länger als 24 Stunden wegbleibt, kriegt nach der Rückkehr einen Getränkegutschein fürs "Adlon". Dann klapp´s auch mit dem Nachbarn.
P.S.:Stimmt es wirklich, dass der Präsident unserer Bundesbank nur 350 000 Euro im Jahr kriegt? Das wäre beschämend. Da sollte die Bundesbank mal überlegen, ob der Standort Singapur für sie nicht sinnvoller wäre.
Methusalem
Frank Schirrmacher und Charlize Theron - zwei Mensche, die in diesem Frühjahr die Medien beherrschen, sie verbindet wenig. Noch. Das könnte sich ändern, wenn erst Methusalem - Der Film auf den Markt kommt. Denn die stupende Wandlungsfähigkeit der südafrikanischen Oscar-Gewinnerin macht sie unverzichtbar für die weibliche Hauptrolle. Doch der Reihe nach. Frank Schirrmacher ist es mit seinem Bestseller Das Mehtusalem-Komplott gelungen, ein zentrales Thema zu besetzen. Völker der Welt, schaut auf unsere Alten. Und wenn Ihr selbst alt seid, dann schaut in den Spiegel. Dort werdet Ihr sehen: Ja, Ihr seid schön. Schön blöd, wenn Ihr Euch von den Jungen einfach so das Cholesterin vom Brot nehmen lasst. Ihr mit Euren Erfahrungen. Mit Eurer Fitness. Mit Euren Gehirnen, die Abkürzungen kennen, wo den Jungen vor lauter Tempo die Zunge aus dem Hals hängt.
Kaum ein demographisch faktorierter Zeitungsartikel, der nicht auf Schirrmachers Buch Bezug nähme. Es sieht so aus, als könne Methusalem der Harry Potter der 50-plus-Generation werden.
Da wäre es sträflich, leiße man die Wertschöpfungskette an irgendeinem faltingen Hals baumeln, anstatt sie zu verwerten. Eins ist klar: Methusalem - das ist was für die Öffentlich-Rechtlichen. Genauer: für das ZDF. Es scheint, als habe man auf dem Mainzer Lerchenberg nur auf das Methusalem-Thema gewartet - natürlich, ohne es zu wissen.
Stichwort: Methusalem - die Show. Moderiert von wem? Sehen Sie, so einfach sind Antworten, wenn sich alles von selber fügt. Vorausgesetzt, die ständigen Flüge aus Malibu sind ihm nicht zu anstrengend. Vorgestellt in der Show wird der Hauptdarsteller aus dem Weihnachtsvierteiler Die Abendteuer des Methusalems - Horst Tappert. Er feiert damit das größte Comeback seit Methusalem selbst. In Planung ist weiter die Sitcom Dr. med. Husalem, heiter besinnliche Geschichten rund um eine türkische Arztfamilie (angefragt sind M. Adorf und S. Berger). Damit möchte das ZDF jüngere Zuschauer für Deutschlands offiziellen Mehtusalem-Sender gewinnen.
Der Fernsehrat gerät bei folgender Frage ins Schwitzen: Können die Mainzelmännchen nur wenige Monate nach ihrem Relaunch durch ein neues Maskottchen ersetzt werden (Metty, Hasi oder Lemmy)? Ein lustiger 100-jähriger, präsentiert von der Deutschen Post? Haribo? Mercedes? RWE? Franz Beckenbauer ware bereit, mit dem Alten am Arm bei "Wetten, dass...?" aufzutreten (muss allerdings beim ersten Musik-Act dann weg).
Und damit wären wir wieder bei Chralize Theron, von der wir uns bis zu ihrer Rolle als das Methusalem-Monster nur eins wünschen: Mach mal Pause! Wir haben jetzt alles gesehen. Das Fett. Das Reinarbeiten. Die Augenbrauen. Wir wissen es. Wir bewundern es. Es reicht erst mal. Deutschlands Fußgängerzonen sind voll von Frauen, die aussehen wie Charlize im Film - wozu dann der Aufwand? Falls es unbedingt sein muss und noch eine Idee für die nächste oscarreife Verwandlung gesucht wird: Der aktuelle Maradonna gäbe echt was her!