Robert saß in einer Decke gewickelt am Feuer. Die Nacht hatte sich schon seit einiger Zeit wie ein violettgrauer Schleier über das Land gelegt und tauchte es in Stille und Schwärze. Keiner von ihnen fragte mehr, wohin die Fahrt ging. Keiner von ihnen benötigte eine weitere Gewissheit, wohin ihre Reise ginge. Nach Rynedale nicht. Seit 10 Tagen fuhren sie durch den Winter, der dieses Jahr Ende Februar ein letztes Mal aufbäumend angezogen hatte. Die Zweige im Feuer knackten unheilvoll, Robert hatte kein gutes Gefühl. Noch immer nicht. Zwar ging es seiner Frau seit den Blutungen den Umständen entsprechend, doch er fürchtete jedes geschaffte Stöhnen, dass ihn zutiefst alarmierte und bedeuten könne, die Reise und alle Hoffnungen, sie gut zu überstehen, wären mit einem Mal weggewischt. Mit einem Handstreich, der so endgültig sein konnte.
Die Gruppe war angespannt. Das Rudel ... Robert wollte nicht daran denken. Aber wenn sich an ihrer Situation nicht bald etwas ändern würde, so sah er das Rudel zerbrechen. James, wie er nur ein Schatten seiner Selbst war, der verzweifelt über seine Frau wachte. Elise Hawthorne, die ihr Bewusstsein in den Tagen der Reise sooft erlangt hatte, dass Robert es an einer Hand abzählen konnte, soweit er eben zählen konnte. Es war nicht zu glauben, dass sie immer wieder den Atem fand. Ryan sprach kaum noch und doch wusste Rob, es lag nicht an dem Unverständnis für die Fahrt nach London. Die Ursache lag in dem unausgefochtenen Kampf mit Hanna, die mit alle Mühe versuchte, diese Reise möglich zu machen. Wie jeden Abend, hockte sie am Lagerfeuer und kochte eine Brühe oder Suppe, um alle aufzuwärmen.
Das Rudel aß nicht nur unter freiem Himmel. Sie schliefen auch hier. Den Komfort von Rynedale oder annähernd einem Dach über dem Kopf hatten sie nicht wahrgenommen.
Robert drückte Charly an sich. Sie kauerte in seinen Armen und wurde von Frost geschüttelte, der nicht vom Wetter herrührte. Roberts Frau hatte sich erkältet und zusammengenommen mit der verständlichen Angst um das Kind, war ein Husten das Schlimmste, was ihnen passieren konnte. Vor allem, weil Charly sich nicht einmal in einem warmen Bett, bei Hühnersuppe und warmen Wickeln ausruhen konnte. Aber sie hielt sich großartig. Sie war eine Kämpferin, der er versuchte jede Annehmlichkeit zu schaffen, die sie haben konnte. An sich selbst dachte er dabei wenig, es würde schon gehen. Robert hatte resolut darauf bestanden, dass sie seine Pullover trug, um der Kälte Herr zu werden. Er trocknete regelmäßig ihre Kleidung an den Feuern und vergaß darüber, auf sich selbst aufzupassen. In ein oder zwei Tagen würde auch er sich so fühlen, wie seine Frau. Aber solange er klar denken konnte, unternahm er alles. Er lächelte tröstlich zu ihr. „Ich hole die Wickel, mein Liebling.“
Charly wollte ihn nicht gehen lassen. Ihre glasigen Augen baten ihn, aber Rob wusste um die Notwendigkeit der warmen Umschläge. Er drückte ihre kühle Hand, küsste sie liebevoll auf die fiebrige Stirn. “Ich bin gleich zurück.“
Der Wolf erhob sich, legte die Decke um Charlys Schultern, auch wenn sie so unglücklich wirkte, dass er sich am liebsten wieder zu ihr gesetzt hätte. Sich ein Herz fassend, ging er zu Keith, der am Feuer einen Topf mit Wasser wärmte, Leinentücher darin tauchte und sie auswrang. Robert hockte sich zu dem jungen Werwolf und nahm die Tücher entgegen, die den herb-bitteren Duft der Kräutermischung verströmten.
Sein Blick entgegnete Keith ausweichendem Blau, zu dunkel war, als dass man hätte darin lesen können. Den Streit mit seiner Schwester hatte er nicht überwunden, so wie er auch die Streitigkeiten zwischen allen nicht zu überwinden schien. Er war ein Junge, der immer alles richtig machen wollte. Unter diesen Bedingungen war das unmöglich. Und so hatte der offene Wolf sich innerhalb einer Woche in sich zurückgezogen. Er redete nicht mehr, wenn, so nur noch das Nötigste mit ausweichendem Blick. Und hätte man Ryan unterstellen können, er wäre auch so kein Wolf, der viel sprach und sich hin und wieder zurückzog, so zeigte sich an Keith deutlich, wie sehr sie trauerten, ohne zu trauern. Deshalb vermied Robert es, Keith anzusprechen. Er nickte dankbar und schlich zurück zu Charly. Neben sie auf der Kiste Platz nehmend, legte er die Wickel so in ihren Nacken und vorsichtig auch um ihre Waden, wie Hanna es ihm gezeigt hatte. Ihr standen Tränen in den Augen, während Robert aufsah. Sein Arbeit beendet, schlug er die Decken wieder um ihre Beine, so dass sie möglichst warm gehalten wurde. Er hockte sich vor sie und sah zu ihr auf. “Ich liebe dich Charly. Weine nicht, mein Schatz.“
In seiner Stimme vibrierte eine tiefe Rührung, die er in einem Kuss auf ihre von Fieber und Strapazen spröden Lippen verlor. “Wir sind bald in London.“
Stimmung: :angel:
Charly hätte nicht mit Genauigkeit sagen können, die wievielte Nacht unter freiem Sternenhimmel, dass heute werden würde. Es waren weit mehr, als sie in ihrem bisherigen Leben auf diese Art und Weise verbracht hatte. Aber es war weniger die Tatsache nicht ein Dach über ihrem Kopf zu wissen, oder auf die Annehmlichkeit eines Bettes und eines warmen Kamins verzichten zu müssen, dass was an Charlys Kräften zehrte war die verdammte Angst. Schon seit Tagen glaubte sie diese nicht mehr los zu werden. Es war ihr, als lege sie wie Fesseln um ihren Geist. Charlys Körper hatte auf den Stress, die Disharmonie und ihre Angst kombiniert mit den widrigen Umständen mit Blutungen reagiert. Diese waren schmerzhaft und sehr stark gewesen. Charly hatte vor lauter Panik Hanna kaum glauben wollen, dass sie ihr Baby nicht verloren hatte. Hanna hatte alle Kraft aufbringen müssen, die sie noch gehabt hatte, um Charly zu beruhigen und ihr klar zu machen, dass sie ihr Kind noch immer würde fühlen können, solange es ihm gut ginge.
Hanna hatte Recht behalten, denn nicht weniger als eine halbe Stunde hatte es gedauert, bis das Ungeborene in ihrem Bauch zu treten begonnnen hatte und damit bewies es war noch am Leben.
Die Blutungen waren nicht wieder aufgetreten, aber nur einen Tag später hatte Charlys Körper mit ersten Anzeichen einer Erkältung auf sich aufmerksam gemacht und am seit den letzten drei Tagen litt sie an Husten, krampfartigen Schüttelfrost und Fieber. Sie bekam undeutlich mit, wie sie damit den anderen zur Last fiel und deshalb zog sie sich noch weiter zurück, als seit der schlechten Stimmung ohnehin. Leider gab es keine räumliche Möglichkeit sich vor den anderen zu verbergen, so wie sie es gerne getan hätte. Seltsamerweise sehnte sie sich seit sie nach Rynedale gekommen und dort auf Rob getroffen war, dass erste Mal wieder nach ihrem Versteck unter der Vorratskammer in dem Haus ihrer Eltern.
Die Situation zwischen allen war angespannt und die Disharmonie riss an den Nerven aller. Ryan und Hanna sprachen einfach nicht mehr miteinander und wenn sie es doch einmal taten, dann konnten sie kaum ein Wort sprechen, ohne sich gleich darauf anzugiften oder laut zu werden. James war nur ein Schatten, der auf Charly oftmals durchsichtig und gar nicht anwesend schien. Und selbst Keith hatte sich mit Hanna gestritten und war seitdem ungewöhnlich schweigsam und in sich gekehrt.
Alles war so verändert und brodelte, dass Charlys Kopf beinah mehr schmerzte, als ihr Hals oder der Rücken.
Wenn sie Hanna dabei beobachtete, wie sie trotz blauer Lippen und steifer Hände das Abendbrot herrichtete, hätte sie ihr gerne geholfen. Aber selbst wenn sie gekonnt hätte, wäre die verbissen um Fassung und Ruhe kämpfende Tochter von Blake ihre Hilfe nur abgewiesen. Seitdem sie erfahren hatten das Blake und Tom geplant zurückgeblieben und gestorben waren, war alles zusammen gebrochen, dass sie einst geschützt und verbunden hatte. Charly spürte die Kälte und hörte, wie ihre Zähne leise klapperten. Sie konnte nicht glauben, dass ihr heute noch einmal warm werden würde. Zu Beginn hatte sie mit Rob gestritten, weil sie nicht wollte, dass er ihr all seine Sachen gab, damit sie an jedem Abend trockene und warme Kleidung hatte, während er kaum mehr als einen verdreckten, klammen Pullover trug. Aber Robert hatte sich nicht von seiner Fürsorge abbringen lassen und immer wieder ruhig, beinah stur, erklärt, dass sie an das Baby denken müsse. Also hatte Charly nachgegeben. Mittlerweile vernebelte das Fieber ihren Geist und sie fühlte sich zu schwach darüber nachzudenken, geschweige, denn Einspruch zu erheben, wenn sie sah wie sehr Robert an diesem Abend fror und dass er aussah, als würde er spätestens am frühen Morgen genauso vom Fieber und Husten gequält, wie sie es wurde.
„Ich hole die Wickel, mein Liebling.“
Charly sah auf und in Roberts Augen, die warm auf ihr ruhten. Er gab sich Mühe seine Anspannung zu verbergen und das Gefühl, dessen, das alles auseinander brach, mit seiner Ruhe und Verlässlichkeit aufzufangen. Dennoch sah Charly, wie gezwungen sein Lächeln wirkte. Es war nicht so, dass Robert diese Worte nicht so meinte, aber auch er schien erschöpft und am Ende seiner Kräfte, an etwas festzuhalten, das so sehr in den letzten Tagen verloren gegangen war, ohne das einer der Anderen dafür kämpfte, es zurückzuholen.
Charly griff nach seiner Hand und schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht, dass er ging. Sie hatte Angst er käme nicht wieder, egal wie dumm das sein mochte, sie hatte fürchterliche Angst ihn auch nur die wenigen Schritte bis zum Feuer von sich fort zu wissen.
“Geh nicht, Rob.“
Charlys Stimme war ein schwaches Flüstern, aber es klang flehend und der verzweifelte Unterton ließ sie zittrig wirken. Charly sah wie Robert das Gesicht verzog und seine Lippen sich anspannten, während er sie aufeinander presste. Sie ahnte, dass es ihm nicht gefiel, wie viel Angst sich in der letzen Woche wieder in ihr Verhalten geschlichen hatte. Angst, die sie an seiner Seite in sieben Jahren so gut wie verloren hatte, sah man von wenigen unheimlichen Nächten und den Nächten der Verwandlung einmal ab. Jetzt schien sie Charlys Verhalten wieder vollkommen zu dominieren und Roberts Züge waren ein trauriger Spiegel dessen, wie sehr es ihn traf. Aber sie konnte beinah spüren, wie er alles an Kraft zusammen nahm und vor hatte nicht aufzugeben, denn er entspannte seine Lippen, die zu einem angedeuteten Lächeln geschwungen waren und drückte ihre Hand. Sein Kuss auf ihrer Wange war warm und tröstlich.
“Ich bin gleich zurück.“
Charly nickte leicht und sah ihm hinterher, wie er zum Feuer ging und sich zu Keith hockte, der die Wickel vorbereitete. Charly sah selbst von der Kiste aus, auf der sie saß, dass der junge Wolf dabei versuchte weder seine Schwester anzusehen, die in der Nähe die Suppe aufbrühte, noch Robert zu nahe zu kommen, als fürchte er etwas Falsches zu tun und zu sagen, dass ihn erneut solch unerwartet böse Worte einbrachte. Hannas Zurechtweisung war vielleicht von ihrem Standpunkt her richtig gewesen, aber zu hart und überraschend. Sicher war, dass die Wölfin dies selber wusste und bereute, so wie sie zähneknirschend arbeitete und sich dabei strikt weigerte Hilfe anzunehmen. Dies war Hannas Art damit umzugehen, wenn sie glaubte einen unverzeihlichen Fehler begannen zu haben.
Charlys Blick driftete ab zu James, der neben seiner, in Decken gehüllten, Frau hockte, die im Licht der Flammen weit weniger blass und tot wirkte, als sie das des Tages im Wagen tat. Es war für alle ein Wunder und gleichsam eine Qual, dass sich Elise Hawthorne mit solcher Entschlossenheit an das Leben klammerte und ihren Atem jedes Mal dazu brachte nach endlos andauernden Minuten, wieder einzusetzen. Charly glaubte beinah, dass sich keiner mehr darum kümmerte, ob die junge Gattin noch lebte oder nicht. Sie alle hatten begonnen James mit seinem Unglück allein zu lassen und damit hatten sie den ersten Bruch in ihrem Rudel zugelassen, der mittlerweile weite Kreise zog und es schien nichts zu geben, dass es aufhalten könnte.
Diese Gedanken trieben ihr Tränen in die Augen. Sie war so unglücklich und wünschte sich momentan nur noch, dass das alles nicht geschehen wäre. Robert kam wieder und sie sah ihm zu wie er die Wickel um ihre Waden schlug und einen in ihren Nacken legte. Sie waren unangenehm nass und feucht, aber warm und die Kräuter taten gut, so wie sie ihr gerade in die Nase stiegen. Sie vermittelten ein entspannendes Gefühl, dass Charly traurig stimmte und erneut weinen ließ.
“Ich liebe dich Charly. Weine nicht, mein Schatz.“
Charly spürte die Rührung in Roberts Stimme, so wie die Liebe in seinem Kuss, der einfühlsam und vertraut wirkte, trotz all der Strapazen.
Oh Robert…
Sie konnte nichts dagegen machen, aber die Tränen stiegen ihr nur noch schneller in die Augen und sie fühlte kurz darauf, wie Robert, sich zu ihr setzend, sie in die Arme schloss.
Ihre Gesicht an seiner kühlen Brust gedrückt, schniefte sie gedankenlos und ließ ihrem Kummer freien Lauf. Ihr Herz fühlte sich bis zum Zerreißen gespannt an und das Schlucken fiel ihr schwer.
“Du musst mich festhalten, Robert.“
Ihre Stimme bebte so unsicher, wie ihr Körper von Schluchzern geschüttelt wurde. Und Charly spürte, dass Robert sie fester in den Arm nahm. “Robert ich habe solche Angst…“
Charly versagte die Stimme und sie wusste nicht woher sie die Kraft nehmen sollte, noch einmal zu neuen Worten anzusetzen. Stattdessen schwieg sie einen Moment und bevor sie sich erneut hätte zu Worten zwingen können, erschien Hanna und Charly sah, von Roberts Schulter aufsehend, zu der älteren Frau, die ihr und Robert eine Schüssel Suppe reichte.
“Ihr solltet etwas essen, solange es noch heiß ist.“
Sie gab Charly einen Brotkanten. “Es ist der letzte, du solltest ihn langsam essen, dann verträgst du ihn besser. Auf den Tee müsst ihr noch etwas warten.“
Bevor Charly sich hätte bei Hanna bedanken können, drehte diese sich schon wieder um, um erneut Suppe in einen Bescher zu füllen. Wahrscheinlich hatte sie das bewusst getan, um zu vermeiden, dass Charly etwas Derartiges ansprach. Es hätte Hannas Plan durchbrochen sich für den Streit mit Keith von allen abzukapseln und mit Einsamkeit selber zu bestrafen.
Stimmung: :cry: