Hamburg (dpa) - Ältere Autofähren vom Roll-on-Roll-off-Typ wie die im Roten Meer gesunkene "Al Salam Boccaccio 98" gelten bei Experten generell als gefährlich.
"Die Schiffe haben eine Bug- und eine Heck- Klappe und dazwischen Autodecks im Stil riesiger Tiefgaragen", erläuterte der Leiter des ADAC-Fährentests, Jens-Peter Hoffmann, am Freitag in einem dpa-Gespräch. "Läuft vorn Wasser herein, breitet es sich schnell im ganzen Schiff aus, und die Fähren können leicht umkippen."
Große Unfälle dieser Art passierten der "Estonia" (1994 - mehr als 850 Tote) in der Ostsee und der "Herald of Free Enterprise" (1987 - rund 190 Tote) im Ärmelkanal. Die "Al Salam Boccaccio 98" wurde 1970 in Italien gebaut und fuhr zuletzt unter der Flagge von Panama.
An der Bauweise selbst sei wenig zu ändern, da die Fahrzeuge schnell auf das Schiff und wieder herunter fahren müssten, erklärte Hoffmann. "Nach einer nordeuropäischen Übereinkunft, die nach dem "Estonia"-Unglück zu Stande kam, müssen aber heute im Schiff Schotten eingebaut sein, die die Ausbreitung des Wassers verhindern", sagte Hoffmann. Die Vorschrift galt zunächst für Neubauten. "Viele Reeder haben aber auch ihre älteren Schiffe umgebaut." Fähren, bei denen sich der Umbau nicht lohnte, seien in andere Länder verkauft worden - oft nach Afrika oder Indonesien.
Kairo (dpa) - Drei Tage nach dem Fährunglück im Roten Meer haben die Experten kaum noch Hoffnung, weitere Überlebende zu finden. Bis Sonntagnachmittag waren offiziellen Angaben zufolge rund 400 Überlebende aus den Fluten gerettet worden. Die Hilfsmannschaften bargen außerdem knapp 200 Leichen.
Das Unglücksschiff "Al Salam Boccaccio 98" war in der Nacht zum Freitag auf dem Weg von Dhiba in Saudi-Arabien nach Ägypten rund 90 Kilometer vor dem Zielhafen Safaga gekentert. An Bord der Fähre befanden sich insgesamt 1414 Menschen, darunter 1200 Ägypter und 99 Saudis. Am Sonntag traf in Ägypten ein Ermittler aus Panama ein, weil das Schiff unter der Flagge Panamas fuhr.
In Ägypten begann am Sonntag die Suche nach den Schuldigen. Als Ursache der nächtlichen Tragödie gilt ein Feuer. Besonders brisant sind Vorwürfe von Überlebenden, dass sich die Mannschaft der "Al Salam Boccaccio 98" nicht genügend um die Passagiere gekümmert habe. Verängstigte Menschen hatten stundenlang auf dem brennenden Schiff ausgeharrt, das seine Fahrt fortsetzte.
Sehr spät lief auch die Rettungsaktion von Land an. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wurden erst achteinhalb Stunden, nachdem die Fähre im ägyptischen Zielhafen Safaga vermisst worden war, Schiffe losgeschickt, um den Passagieren zu helfen. Überlebende berichtetem, nach Ausbruch des Feuers seien mehr als zehn Stunden bis zum Eintreffen der Rettungskräfte vergangen. Das ägyptische Staatsfernsehen bezeichnete die Rettungsaktion als "gut und schnell".
Ein Feuer an Bord hat offenbar zum Untergang der äyptischen Fähre im Roten Meer geführt. Das berichtete der ägyptische Fernsehsender Nil TV unter Berufung auf Verkehrsminister Mohammed Mansur. Hoffnung auf weitere Überlebende gibt es eineinhalb Tage nach dem Unglück kaum noch. Nach Angaben der ägyptischen Schifffahrtsbehörden überlebten von rund 1400 Menschen an Bord mindestens 378. In der Hafenstadt Safaga stürmten hunderte Angehörige den Hafen, um etwas über das Schicksal von Vermissten zu erfahren. Die 35 Jahre alte "El Salam Boccaccio 98" war in der Nacht zum Freitag gesunken.
Ersten Ermittlungen und Aussagen von Überlebenden zufolge sei zunächst in einem Lastwagen an Bord ein Feuer ausgebrochen, hieß es in Schifffahrtskreisen. Der Brand habe auf das ganze Schiff übergegriffen. Der Kapitän habe beschlossen, in den saudiarabischen Hafen Duba zurückzukehren, habe das Manöver aber nicht richtig ausführen können, weil es sehr stürmisch gewesen sei. Die Fähre habe Schlagseite bekommen und sei rasch gesunken.
Transportminister Mansur sagte, der Untergang des Schiffes sei möglicherweise auf einen Motorschaden und ein dadurch ausgelöstes Feuer zurückzuführen. Ein ägyptischer Überlebender berichtete, etwa zwei Stunden nach dem Ablegen sei aus dem Motorraum der Fähre dichter Rauch aufgestiegen.
In der ägyptischen Hafenstadt Safaga spielten sich dramatische Szenen ab. Hunderte verzweifelte Angehörige gingen mit Steinen und Stöcken auf Polizisten los. Sicherheitsbeamte mit Schilden und Knüppeln versuchten, die Menge zurückzudrängen.
Der Eigner der im Roten Meer untergegangenen Fähre hat den Vorwurf zurückgewiesen, das Unglück sei auf mangelnde Sicherheitsstandards und Fehlverhalten der Besatzung zurückzuführen. In einer Erklärung der Reederei "El Salam Maritime Transport Company" heißt es, die Fähre habe "alle internationalen Sicherheitsbestimmungen und Vereinbarungen erfüllt". Zu den möglichen Ursachen des Unglücks machte die Reederei keine Angaben.
Die "El Salam Boccaccio 98" sei "bei einem führenden Versicherer in Großbritannien versichert" gewesen, wofür "sehr hohe Standards an Qualität und Sicherheit" eingehalten werden müssten, erklärte die Reederei. Den Namen des Versicherungskonzerns nannte das Unternehmen nicht.
Die von Überlebenden geäußerte Kritik am Verhalten von Kapitän Sajed Omar und seiner Crew wies die Reederei zurück. Alle Beschäftigten seien "nach neuesten Methoden bestens ausgebildet" gewesen. Kapitän Omar habe 28 Jahre Berufserfahrung gehabt.
Das Unternehmen wies darauf hin, dass sowohl Omar als auch 79 der 96 Besatzungsmitglieder noch vermisst würden. Das Unternehmen kündigte an, "nach Abschluss der Formalitäten sämtliche Entschädigungen zu zahlen". Ägyptens Präsident Husni Mubarak, der in Hurghada Überlebende besuchte, kündigte die Zahlung von umgerechnet je 4145 Euro an die Familien der Opfer sowie von rund 2100 Euro an die lebend geborgenen Passagiere an.
Hunderte zornige Angehörige von Opfern des Fährunglücks im Roten Meer haben die Büros der Betreibergesellschaft des gesunkenen Schiffes verwüstet.
Anschließend lieferten sie sich Augenzeugen zufolge heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Am Wochenende war es bereits zu schweren Ausschreitungen auf dem Hafengelände gekommen. Bei dem Fährunglück kamen jüngsten Angaben der Behörden mindestens 989 Menschen ums Leben.
Die aufgebrachte Menge versammelte sich am Morgen vor dem Sitz von El Salam Maritim in der ägyptischen Hafenstadt Safaga und verlangten nach Nachrichten von ihren Angehörigen. Danach zündeten sie Abfalleimer und Autoreifen an. Später drangen sie in das Büro der Fährgesellschaft ein und warfen das Inventar aus dem Fenster, bevor sie ein Feuer in dem Büro legten. Auch ein Reisebüro, das Tickets von El Salam Maritim verkauft, wurde verwüstet.
Die Polizei schritt daraufhin ein und trieb die Menge mit Tränengas auseinander. Die Angehörigen der Opfer warfen mit Steinen auf die Beamte. Mehrere hundert Polizisten bewachten anschließend das Hafengelände.