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Persephone - 20.08.2007 - 17:08

1919 wurde in Nebraska der letzte Wolf geschossen, sagen die Leute. Und zwar im Nationalpark von Nebraska, in Blaine County. Etwa fünf Meilen von Halsey, einer trostlosen und flachen Ortschaft unter dem glasigen, blassen Himmel. Der Schütze, ein Farmer, der in Blaine ansässig war, hieß Mortimer Rainiers. Ein furchterregender, wilder Mann, ein Despot. Und, wie man hinter vorgehaltener Hand flüsterte, einer, der nicht nur seiner Frau beischlief sondern auch seinen Kindern. Nun, das ist lange her und diese Geschichten sind nur wenig mehr als Staub auf dem Rücken der Zeit.
1991 wurde trotz heftigem Widerstand durch Ansässige ein Waldteil des außerhalb des Reservates liegenden Waldes gerodet und eine Windmühlenfarm errichtet. In den folgenden Jahren zogen dort viele Familien weg. Weil sie gesundheitliche Schäden für sich und ihre Familien befürchteten, sagten die Leute. Tatsache aber war, daß die Leute wegen des nervenaufreibenden Geheuls wegzogen, den die Windmühlen bei Wind verursachten. Manchmal gab es das Geheul auch bei Windstille, aber dass wurde offiziell nirgendwo erwähnt.
Es klingt wie das Wehgeschrei eines Tieres, das in einer Falle gefangen ist, sagen die Leute. Die stählernen Gerüste verschandeln die Landschaft und obwohl alles dagegen sprach, fürchteten die Leute auch Elektrosmog.
Nebraska ist ein fruchtbares Land und Blaine ein fruchtbarer Bezirk. Dennoch kommt es kaum vor, daß irgend jemand in seinem landwirtschaftlichen Beruf alt wird. Die einen versuchen es als Reisevertreter und bieten windgetriebene Abwasserpumpen an, andere versuchen in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten und die Farm zu übernehmen. Sie scheitern, weil sie die Arbeit unter- und die Einkünfte langfristig überschätzen. Sie leben am Rande des Existenzminimums ein frustrierendes Leben, oder sie können sich die Erbschaftssteuern für die geerbten Farmen nicht leisten. Sie verkaufen, verpachten und ziehen weg, versuchen ihr Glück als Fabriksarbeiter, Autoschieber oder Schweinezüchter, als Rodeoreiter oder als Drogenkuriere. Manche haben im Aussteigertourismus ein gutes Geschäft gewittert und konnten sich da etablieren, indem sie Überlebenstraining und Jagdausflüge anboten. Alles schon da gewesen. Jugendliche verschwanden hier oft, nicht aber regelmäßig; meistens im Herbst, wenn die Erntearbeiter weiterzogen. Man hörte nie wieder von ihnen.

Die Häuser von Halsey bildeten nie eine wirkliche Gemeinschaft, die man als Ort bezeichnen könnte. So gab es auch kein wirkliches Ortszentrum. Die Farmen lagen verstreut, und an der Kreuzung des County Highway 10 und der Bundesstrasse 2 gab es ein paar Autowerkstätten, zwei Imbisse, eine Methodistenkirche, die dem Verfall anheim gestellt ist und eine renovierte, weiß gestrichene Scheune, die den Baptisten als Treffpunkt dient. Es gibt einen todlangweiligen, flachen Ziegelbau, der vor sieben Jahren zur High School umgebaut worden war. Flache Felder, wohin das Auge blickt, kleine Waldgruppen, sanfte Hügel – ein wirklich weites Land.
Sechs Meilen östlich von Halsey gibt es einen Autofriedhof. Gearbeitet wird dort, wenn überhaupt, nur von sechs Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends. Tagsüber hört man hin und wieder die dieselgetriebene Schrottpresse röhren und quetschen. Mit Einbruch der Dunkelheit verläßt der Angestellte das Areal und hinterläßt eine Staubwolke, die sich fast eine halbe Stunde in der schräg stehenden Sonne hält und merkwürdig goldenes Licht erzeugt. Mit der Stille kommt die Dunkelheit – wie immer. Und dann ist dies ein Platz für Geister und Jugendliche.

Es war ein Freitag im September, am Rand einer goldenen Dämmerung. Die Familien aßen gemeinsam zu abend. Das abziehende Trockengewitter, das Blaine nur gestreift hatte, rollte und donnerte nach Westen, auf Säulen von sattem, gelbem Licht. Mancherorts gab es Streit. Nicht, weil es etwas zu streiten gab sondern weil es sonst nichts mehr gab. Viele Ehen hier hielten nur noch, weil sie zweckmäßig waren und durch Verpflichtungen abgesegnet. Und weil man sich an die Unzufriedenheit gewohnt hatte.
Die Felder waren abgeerntet, die Silos waren voll, die Lastzüge waren auf ihrem Weg. Die kurze Geschäftigkeit der Erntezeit mit all den Erntehelfern, Prügeleien und Rodeos hatte ein jähes Ende gefunden, als getan war, was getan werden mußte, so wie jedes Jahr zur Erntezeit. Der Staub legte sich und wenn sich Farmer trafen, wischten sie sich demonstrativ über die Stirn, redeten von unfairen Preisen, Verschwörungen bei Preisabsprachen und wie sehr sie sich darauf freuten, die letzten warmen Tage im September für Renovierungsarbeiten zu nutzen. Hier mußte ein Traktor überholt werden, da ein Auto tiefer gelegt, Ausbesserungen am Haus und an den Wirtschaftsgebäuden standen an. Abwässerkanäle gehörten vertieft, Brücken über Bäche neu ausgebolzt.

Seitdem es den Autofriedhof gab und seitdem bekannt war, daß er nachtsüber unbewacht war, galt er als Treffpunkt für die Halbwüchsigen. Speziell in den Herbstnächten, wenn es zu kalt war, um in einem der zahlreichen Teiche der Steppenlandschaft am Waldrand baden zu gehen. Zum harten Kern der Jugendlichen, die sich hier immer an den Wochenenden trafen, gehörten Chas Rainiers, Gus Peterson, Joe Rankin und Nicholas Wilson. Sie waren zwischen sechzehn (Joe Rankin) und neunzehn (Chas Rainier) Jahren alt. Chas Spitzname war Mörderklops, weil er einfach furchterregend groß und dick war. Und stark. Man war sich einig, daß Chas von allen Jungs hier das härteste Los gezogen hatte. Sein Vater war ein verbitterter, tiefreligiöser Farmer, der nach dem Tod seiner Frau vor fünf Jahren jegliche Hemmung verloren hatte, seinen Sohn von früh bis spät ohne Pause arbeiten zu lassen. Er behandelte ihn noch schlechter als die Saisonarbeiter, die ja jederzeit abhauen könnten, wenn es ihnen nicht gefiel, und dies Jahr für Jahr auch immer wieder machten. Für ihn schien es den Himmel wirklich nur nach einem Leben zu geben, daß der Hölle glich. Die Jungs munkelten, daß Chas Vater seinen riesigen Jungen auch noch übers Knie legen, ihn mit dem Gürtel schlagen würde. Sie kicherten, wenn sie darüber spekulierten, aber es war ein verbittertes Kichern, weil sie Chas mochten. Weil einfach jeder Chas mochte.
Joe Rankin war diesmal der Erste am Schrottplatz. Auf der Rückseite des Grundstücks, das von einer Blechwand umfaßt wurde, gab es ein Loch, das von der Innenseite durch einen Stapel radloser Autowracks verdeckt wurde. Hier roch es nach altem Öl und verseuchtem Boden. Von der Rückseite dieses Zauns kam man über ein unbebautes Feld von etwa fünfhundert Metern Breite in einen kleinen Wald. In diesem Wald gab es einen kleinen Teich – gut versteckt und nur über zugewachsene Waldwege zu erreichen.
Jede Generation von Jugendlichen glaubt, diesen See entdeckt zu haben; es ist, als ob man von einer Welt in eine andere wechseln würde. Gerade noch unter der prallen Sonne Nebraskas, unter dem Dunst des alten Landes, das nach Blut und Ernte roch, und plötzlich in einer üppigen, grünen und kühlen Welt. Wasser, so klar, daß man es trinken konnte. Und kalt. In der Luft das Summen von Insekten, das Singen von kleinen Vögeln. Und ab und zu ein merkwürdiges, langgezogenes Heulen. Nicht wie von einem Wolf. So ähnlich, ja. Aber es klang mehr wie das Heulen einer dünnen Stelle, einer Schwachstelle, oder noch treffender: wie das Heulen des Windes, der durch einen Riß fuhr.
Und genau dieses Heulen hörte Joe Rankin gerade, als er auf allen Vieren durch das Loch im Zaun krabbelte und den Rucksack mit den Biervorräten hinter sich her zog. Er hatte die Hemdsärmel hochgerollt und sah, daß er auf den Unterarmen eine Gänsehaut bekam. Er grinste verunsichert und flüsterte: „Scheiße, was für ein Heuler.“
Joe lebte bei seinem Vater. Nach der Scheidung seiner Eltern hatte er bei seiner Mutter gelebt – in einem Autobahnmotel. Vier Monate später war sie tödlich verunglückt, als sie betrunken über die nächtliche Autobahn getorkelt war, um eine Flasche Brandy zu kaufen. Der Lastwagenfahrer hatte einen schweren Schock erlitten und schrieb Joe seit dem Begräbnis alle zwei Wochen einen Brief. In den Briefen erzählte er über sein Leben und seine Unfähigkeit, sich wieder hinter das Steuer einer Zugmaschine zu setzen. Es waren die weinerlichen, traurigen Briefe eines gebrochenen Mannes, der sich keiner Schuld bewußt war und doch unter der Last der Schuld wankte; fast zusammenbrach. Manche Zeilen rührten Joe zu Tränen; das würde er aber nie und nimmer zugeben. Es war sein Geheimnis. Die Briefe, die Tränen, die Stunden, die er mit angezogenen Knien auf seinem Bett verbrachte und versuchte, sich an das Gesicht seiner Mutter zu erinnern.
Er war fast durch und wollte sich schon in dem schmalen Raum zwischen Blechwand und Autowracks aufrichten, als das Heulen aus dem Wald wieder erklang. Langgezogen, hoch und von einer merkwürdigen Vibration getragen. Das Heulen wurde nach oben gezogen und klang in einem schrillen Kreischen und Reißen aus – fast wie die Stimme eines Menschen, de immer höher stieg, bis sie einfach brechen mußte. Die Stille danach war so umfassend, daß Joe meinte, sie hören zu können – ein warmes Pulsieren in den Ohren.
Dann wurde die Stille durch ein hohes Knattern unterbrochen. Joe grinste erleichtert, strich sich mit gespreizten Fingern durch die langen, braunen Haare und zog sich dann die ausgebleichte, überweite Jeans am Gürtel hoch. Das war Nicholas Wilson, der wilde Hund – sicher war er das. Und er hatte sicher Gus hinten am Sozius. Nicholas schwatzte seinem großen Bruder immer wieder das Kleinmotorrad ab, borgte sich die Lederjacke aus, die ihm ein paar Nummern zu groß war und holte dann für ihre nächtlichen Saufgelage Gus von der Nachbarsfarm ab. Meistens rauchten die zwei schon auf dem Weg hierher einen Joint und waren dementsprechend entspannt, wenn sie ihre Trinkgelage unter den blinden Augen hunderter Autowracks begannen.
Nicholas Bruder baute selbst Gras an. Und wenn Erntezeit war, staubte Nicholas immer wieder eine gehörige Portion ab, die er mit ihnen teilte.
Joe schulterte den Rucksack und ging auf dem schmalen Weg zwischen den Türmen von Autowracks hindurch zu dem kleinen Platz, auf dem sie ihr Lagerfeuer machten. Das Bier war eiskalt – sein Vater wußte, daß Joe an den Freitagabenden den Kühlschrank plünderte, aber er sagte nie etwas dazu. Joes Vater war ein großer, trauriger Mann mit hängenden Schultern, liebevoll und entkräftet. Und seine ganze Autorität beschränkte sich auf vorwurfsvolle Blicke, mit denen er bei einem Sohn im Teenageralter naturgemäß wenig bewirken konnte.

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Persephone - 20.08.2007 - 17:08

Das Kleinmotorrad kam auf der Rückseite der Blechwand zu stehen und Joe dachte, daß sie es hinter einen Hügel in die Senke schieben würden, damit es nicht im Licht der Autos, die auf der Landstrasse vorbeifuhren, gesehen werden konnte. Ein paar Augenblicke später hörte Joe Schritte. Leise, aber erkennbar schwere Schritte. Er war gerade dabei, Steine für die Feuerstelle aufzuschichten, als Chas grüßte: „Hi Kleiner.“
Joe sah Chas erstaunt an, kam halb aus der Hocke hoch und lächelte schief: „Was ist mit Nick und Gus? Bist du mit Nicks Ofen gekommen? Wo sind die Jungs?“
Chas Lächeln verlor sich in seinem breiten, freundlichen Gesicht und er hielt Joe die Hand hin. Joe griff zu und wurde hochgezogen. Sie ließen sich los und gaben sich Fünf.
„Nicholas und Gus, ja, äh… da gibt’s ein Problem, weißt du?“
„Was für ein Problem? Stimmt was nicht?“ In Chas Gesicht arbeitete es unaufhörlich aber Joe wurde aus der Mimik nicht schlau. Und das beunruhigte ihn doch. Chas setzte mehrmals an, wollte etwas sagen. Dann stieß er hervor: „Sie sind bei mei´m Dad. Helfen ihm. Also eigentlich mir. Schnittholz aufschichten, ja? Paps hat gesagt, wir kriegen was zu trinken und jeder zehn Dollar. Ist nich´ viel, is´ aber auch nich´ viel Arbeit. Wenn du auch mit machst, haben wirs inner Stunde gepackt und dann kommen wir hierher oder fahren inne Stadt und saufen uns einen an, schrotten Autos oder was weiß ich, kommst du?“
Joe machte zuerst ein Gesicht, als ob er in Scheiße getreten wäre, dann grinste er entwaffnend, schlug Chas auf die Schulter und flüsterte: „Hey Großer, du weißt ja: Wir sind die Wölfe von Nebraska.“
Chas nickte, hob Joes Rucksack auf und half ihm, in die Träger zu schlüpfen. Die Wölfe von Nebraska, ja. Chas hatte ihnen irgendwann bei einer Runde am Feuer (Das war am Beaumont Teich gewesen, Anfang Juli) erzählt, daß es sein Urgroßvater gewesen war, der den letzten Wolf von Nebraska geschossen hatte. Darüber gab es sogar einen kleinen Artikel in einem regionalen Geschichtsbuch. Der Artikel war eingebettet in Berichte von Wanderpredigern, die den ersten Siedlern hier in der Gegend geistigen Beistand leisteten, sich um Geburt, Taufe und Hochzeiten kümmerten. Somit hatte der Artikel über den letzten geschossenen Wolf einen beinahe religiösen Beigeschmack. Auf jeden Fall sorgte er dafür, daß der Name Rainiers untrennbar mit Halsey verbunden war.
Sie gingen zurück zur Blechwand hinter den Autostapeln. Er kroch vor Chas durch das Loch und hatte zum ersten Mal in seinem Leben das untrügliche Gefühl, beobachtet zu werden – das Chas ihn auf eine Art und Weise musterte, wie sich Freunde einfach nicht mustern sollten. Joe schalt sich einen Narren. Nichtsdestotrotz war da dieses Gefühl, gemessen und gewogen zu werden, auf Tauglichkeit geprüft – für was auch immer. Er fühlte sich unbehaglich, robbte schnell durch das schmale Loch und stand noch schneller auf und putzte sich den Staub von der tiefsitzenden Hose. Er sah, daß ihm das Hemd aus der Hose gerutscht war und ein Streifen brauner Haut zu sehen war; ein Stück seiner Hüfte. Er zerrte das Hemd ganz aus der Hose und ließ es runterhängen. Es reichte ihm bis zu den Oberschenkeln. Nur noch die verchromte Kette hing noch tiefer und schlug an sein rechtes Knie.
Joe konnte Chas Vater absolut nicht leiden und um ehrlich zu sein, er hatte auch ein wenig Angst vor ihm. Als er hinter Chas aufs Moped stieg, fragte er sich, warum ihn weder Nicholas noch Gus am Mobiltelefon angerufen hatten. Sie hatten nämlich jeder eines. So wie er.

Als sie über die staubige Strasse nach Westen fuhren, war es beinahe dunkel. Vor ihnen glühte noch der Himmel in blassen Farben, im Osten war es bereits stockdunkel. Am Himmel flimmerten die Sterne und Joe dachte fröstelnd, daß sie kalt seien. Das die Sterne irgendwie nichts anderes waren als verdichtete Kälte. Er wußte, daß das Unsinn war, aber der Gedanke erschien ihm für ein paar Augenblicke sehr plausibel, geradezu aufdringlich. Ihm lief unter dem Hemd der Schweiß zwischen den Schulterblättern nach unten, näßte seinen Hintern und alles, woran er denken konnte, war die Kälte der Sterne. Und die Kälte des Raums zwischen den Sternen. In diesem Moment fühlte er sich einsam, trotz seiner Freunde, trotz seines Vaters. Er wünschte sich einen älteren Bruder; einen, der ungefähr zwei Jahre älter war als er und alles wußte. Über die ganze Welt. Und der nicht lachen würde, wenn er ihm von der Kälte der Sterne erzählen würde. Ein Bruder, der sich mit ihm ans Fenster stellen, ihm eine Zigarette anbieten und irgend etwas echt Kluges sagen würde. Aber Joe Rankin hatte nur seinen geknickten Vater, die Briefe des Fernfahrers und seine verrückten Freunde, die Wölfe von Nebraska. Er hatte sein Bett in dem kleinen Raum unterhalb des Daches und auf dem Bett die Steppdecke, die seine Mutter in Handarbeit gemacht hatte. Er hatte seine zerlesenen Science Fiction Taschenbücher, ein paar Superman Comic, die er einfach nicht zum Müll bringen konnte. Und hier und jetzt hatte er den Wind im Gesicht und die kalten Sterne über seinem Kopf, seine langen Haare flatterten im Wind und er stützte sich auf Chas Schultern, stemmte sich hoch und heulte die Dunkelheit wie ein Wolf an. Er bildete sich ein, das Chas etwas gesagt hatte. Er war sich nicht sicher. Und er vergaß es.
Als Joe hinter ihm stand und sich mit dem Becken an seinen Rücken lehnte, die Fäuste in den Himmel ballte und wie ein Wolf heulte, sagte Chas mehr zu sich, als um gehört zu werden: „Du wirst das noch viel besser können. Du wirst heulen wie ein Wolf.“ Sein Gesicht verkrampfte sich dabei vor Trauer und Wut.

Später, als sie auf den morastigen Hof rollten, wischte sich Chas eine Träne aus dem Augenwinkel, grinste Joe an und flüsterte: „Der Fahrtwind, kennst das ja.“ Joe nickte, klopfte ihm auf die Schulter und ging voraus auf das Haus zu.
Auf der Veranda ging das Licht an, die Laterne schaukelte etwas in der Abendbrise und ein riesiger Schatten erschien in der Tür. Chas Vater war ein Riese von einem Mann. Alles an ihm war einfach riesig. Er hatte Pranken, so groß wie Bratpfannen, lange, fettige Haare und ein großes, unfreundliches Gesicht. Er hatte einen riesigen Bauch und Beine so dick wie Säulen. Im Schatten dieses Riesen fühlte sich Joe wie ein zerbrechliches Püppchen. Um auf andere Gedanken zu kommen, ließ er den Blick schweifen und suchte den Platz, wo sie das Schnittholz schlichten sollten. Aber hier gab es nur das Wohnhaus, vor der Front des dunklen, knarrenden Waldes, und diesseits der undurchdringlichen Finsternis die fast ätherische Klarheit der offenen Felder; hier versumpfter Boden - sternenklare Stille unter dem aufkommenden Wind. Da, die Überreste einer Scheune. Kein Vieh hier. All das wußte Joe – er kannte das Grundstück - und fühlte sich einfach unbehaglich. Aber kein bißchen mißtrauisch. Es gab keinen Grund dazu. Joe räusperte sich, merkte, daß er piepsen würde, wenn er was sagte und räusperte sich noch mal; männlicher. Dann fragte er: „Nicholas und Gus? Sind die schon an der Arbeit?“
Chas Vater kam die Verandatreppen herab und bewegte sich dabei beeindruckend leichtfüßig. „Nein“, antwortete er, seine Stimme dröhnte, ohne dabei wirklich laut zu werden, „die machen grad drin Limonadenpause. Komm rein, Joe, komm rein.“
Chas blinzelte ihm zu und das beunruhigte Joe mehr als der grollende Baß des Riesen, der unter dem schaukelnden Licht der Laterne auf der Veranda stand. Die Kette, an der die Laterne unter dem Dach der Veranda hing, quietschte rhythmisch.
Er ging auf die Veranda zu, streckte Chas Vater die Hand hin und sah seine zarten Finger in der Pranke verschwinden. Der Mann zog ihn die Treppen zur Veranda hoch, legte ihm einen Arm um die Schulter und bugsierte ihn ins Haus.
Da war es dunkel. Und still. Er hörte eine Uhr ticken und den Atem des großen Mannes neben sich. Dann fühlte er sich plötzlich nach vor geschoben und spürte einen wuchtigen Hieb in den Nacken, der ihn zu Boden schleuderte. Er fühlte sich verwirrt und wurde herumgedreht. Hände zerrten an seinen neuen schwarzgrauen DC Schuhen, zupften an seinen Socken. Hände rissen ungeduldig an seinem Gürtel, die Hose wurde runtergezogen und die Boxershorts rutschte gleich mit. Joe wollte irgend etwas von sich geben, etwas sagen oder noch genauer: Er wollte protestieren. Aber statt einer jugendlich-starken Stimme kam nur ein heiseres fauchen aus seinem Mund. Er spürte, wie ihm die Arme auf den Rücken gedreht wurden und er hörte wie Handschellen klickten.
Als er wieder zu sich kam, als sich der Nebel lichtete, lag er nackt und mit Handschellen gefesselt auf dem Wohnzimmerboden. Er war panisch, das Blut schien in ihm zu kochen und zu rasen, seine Haar hing ihm verschwitzt und verfilzt ins Gesicht. Er sah Chas. Der große Bursche stand an der Wand neben einem… was war das? Ein Wandteppich? nein, dafür war es zu massig. Joe blinzelte und blies sich die Haare aus dem Gesicht. Noch einen Moment, und seine Augen hatten sich an das Dunkel hier herinnen gewohnt. Er sah noch einmal zu Chas und zu der Skulptur an der Wand. Er wollte schreien. Aber es kam nur ein kraftloses Heulen aus seinem Mund. Das war Nicholas. Er war ebenfalls nackt; nein, er hatte seine Boxershorts noch an. Jetzt erkannte Joe, daß Nicholas mit Zimmermannsnägeln an die Wand gehängt worden war. Dünne Rinnsale von Blut liefen über die Innenarmseiten zu seiner Brust, vereinigten sich dort und liefen in einer dicken Spur hinunter zu der rotgetränkten Shorts.
„Nicky! Was…“
Dann sah er, daß Nicholas nie wieder reden können würde. Seine Zunge war herausgezerrt und ein gedrehter Zimmermannsnagel war von oben nach unten durch die Zunge gestoßen worden. Es war unmöglich für Nicholas, die Zunge einzuziehen oder überhaupt zu bewegen.
Nicholas kriegte mit, daß Joe da auf dem Boden lag. Er schaute zu ihm hinab und gab ein schauerliches Geheul von sich, das entfernt an Wolfsgeheul erinnerte.

Persephone - 20.08.2007 - 17:09

Chas Vater kam und hob Joe mühelos auf die Couch. Joe weinte vor Angst. Chas kam dazu und strich ihm die Haare aus der Stirn. Er saß zwischen ihnen eingeklemmt da und alles was er empfand, war umfassendes, graues Entsetzen. Endlich fühlte er sich in der Lage, etwas zu sagen: „Bitte… bitte nicht… bitte nicht vergewaltigen, bitte!“ Chas sah seinen Vater verwirrt an und der Mann sah Joe unangenehm berührt an. „Was? Vergewaltigen? Glaubst du, ich wollte etwas Unsittliches von dir? Bist du verrückt, Junge? Man könnte sich ja hier nicht mehr unter die Leute wagen. Du hast einen schönen Leib, aber für mich als Christenmensch und Baptist ist das kein Anlaß, mich zu versündigen. Das gilt auch für meinen Sohn.“ Er sah Chas an: „Der Junge denkt, wir wollen uns an ihm vergehen. Was für eine unsinnige Idee, wirklich!“
Er lächelte Joe an und sagte dann leise: „Du bist hier, weil ich dich schreien hören will. Weißt du, daß hier kein Vieh überlebt? Seit zwei Jahren versuche ich alles: Schweine, Rinder, ich hab sogar einen Zuchtbullen gekauft. Nichts, es hilft nichts. Das ist ein alter, indianischer Fluch, der uns Rainiers verfolgt, seitdem Mortimer – Gott habe ihn selig – den letzten Wolf geschossen hatte. Die Indianer sagten, die Wölfe gehörten zu diesem Land. verstehst du? Fehlen die Wölfe, gerät alles ins Ungleichgewicht. Sie haben uns verflucht. Einen Zauber gesprochen, irgend etwas heidnisches, verdammte Brut.“ Chas Vater stand auf und ging in die Küche. Joe dröhnte der Kopf: Er will… mich schreien hören? Um Gottes Willen, lieber Gott, bitte… Er hörte das Knacken einer Bierdose, die geöffnet wurde. Dann die Schritte. Der Riese setzte sich seufzend neben ihn hin und fuhr fort zu erzählen: „Und der Fluch würde uns solange verfolgen, bis ein Rainiers die Wölfe zurückholen würde, wie auch immer. Und ich habe vor, genau das zu tun. Ich will die Wölfe nach Nebraska, ins Blaine County zurückzubringen. Und weißt du, wie das geht? Wölfe kommen dorthin, wo Wölfe heulen. Und irgend jemand muß wie ein Wolf heulen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie lange ich schon daran arbeite, den geeigneten Jungen zu finden. Du hast keine Vorstellung.“
Joe erstarrte und sein Gesicht verzerrte sich vor Angst und Schrecken. Die Gewißheit, daß alle verschollenen Jungs nicht mit den Wanderarbeitern mitgezogen waren sondern… er erinnerte sich an das Geheul aus dem Wald. In all den Jahren. Immer wieder.
„Chas? bring deinen kleinen Freund da raus hinter das Haus. Ich möchte mal seine Stimme hören. Ich nehme inzwischen Nicholas von der Wand.“ Chas stand auf, nahm Joe an den Armen und zog ihn hoch. Joe flüsterte mit erstickter Stimme: „Um Himmels Willen, Chas. Du mußt… hilf mir bitte, bitte hilf mir. das kann er doch nicht… ich will nicht sterben! Bitte!“
Chas verzog keine Miene, als er Joe hochhob und ihn sich auf die Schulter legte. Er trat die Tür auf und trug Joe hinaus in die Nacht. Hinter das Haus. Dort, nahe einer kleinen Senke, ließ er ihn einfach zu Boden fallen. Chas holte eine Rolle Draht, rollte etwa eineinhalb Meter ab und wickelte den Draht eng um Joes Knöchel. Joe, inzwischen nicht nur völlig verängstigt sondern auch wütend, fauchte, zog die Beine an und trat mit aller Wucht in Chas Gesicht. Er hörte das Nasenbein knacksen. Grinste zufrieden. Chas hielt sich die Hände vors Gesicht und heulte auf. Chas Vater kam ums Haus gerannt, schwer atmend, stemmte die Hände in die Hüften und sagte: „Das war schon ganz gut. Ach Scheiße Junge! Du warst das?“ Chas nickte und kam taumelnd hoch. Der bärtige Riese klopfte Chas auf die Schulter und flüsterte mit einem Ausdruck ungesunder Gier: „Dann wollen wir mal sehen, wie es der hier kann.“
Er ging weg zur Scheune. Chas kniete sich neben Joe, faßte ihm ins Haar und zischte: „Ich hasse dich, Joe Rankin. Ich hasse dich. Alle haben dich lieb, aber ich hasse dich. Weil du so klein bist, weil du so einen auf süß machst und die ganzen Mädchen aus Mitleid wegen deiner toten Mutter mit dir ficken wollen und dir ihre Zungen ins Maul stecken, du verschissener Blender.“ Er grinste völlig irre und stand auf, als sein Vater mit einem Benzinkanister kam. Noch im Gehen schraubte er den Verschluß ab und ließ ihn achtlos zu Boden fallen. Er kippte ihn etwas und sagte: „So. Und jetzt wollen wir doch mal sehen, ob du in ein paar Minuten noch immer anderen Leuten ins Gesicht treten kannst.“ Das Benzin plätscherte auf Joes Beine – ungefähr bis kurz unterhalb der Knie. Chas holte den Verschluß und schraubte ihn auf den Kanister, den sein Vater abgestellt hatte. In der momentanen Stille hörten sie ein einsames, schrecklich schmerzerfülltes Heulen. Wie von einem Wolf, der in eine Falle geraten war.
Chas sah seinen Vater strahlend an und flüsterte bewegt: „Gus macht sich gut, da draußen im Wald, was?“
Der bärtige Riese nickte und zündete Joe Rankins Beine an.
Zuerst war das Benzin auf der Haut noch kalt und im nächsten Moment explodierte es zu greller Hitze, die sich in ihn hineinfraß. Der Draht begann zu glühen und brannte sich Joe ins Fleisch. Die Haut kräuselte sich und Blut und Fett zischten in den Flammen. Joes Entsetzen wurde vom Schmerz niedergeschrieen und er kreischte vor Schmerzen, wand sich und versuchte, davon zu kriechen, aus sich selbst herauszukriechen, er versuchte, sich herumzuwerfen und die Flammen zu ersticken. In der weißen, flachen Bauchmulde sammelte sich Urin. Unendlich später warf Chas eine Decke über seine Beine, erstickte die Flammen und betrachtete die verkohlten, schwarzen Stöckchen, die einmal die Beine eines Baseballspielers der Jugendliga gewesen waren.
Die Schmerzen rollten sich am Horizont zusammen und hinterließen ein graues, hohles Pochen, daß seinen ganzen Leib erfüllte und schwingen ließ. Er bekam am Rande mit, daß Chas mit seinem Vater redete, schnell und dringend. Dann, wie ihm eine Nadel in den Oberarm gestochen wurde und sich herrliche Kühle in ihm ausbreitete. Auch ganz am Rande bekam er mit, daß er hochgehoben und auf die Ladefläche eines Pickup gelegt wurde – neben ihm lag ein anderer Leib, erkennbar weiß und atmend im hellen Mondlicht. Dann fuhren sie. Und die Sterne starrten kalt auf sie herab – auf diese winzige Szene, auf den Pickup, der eine Staubwolke hinter sich herzog, die im Mondlicht silbern und blau leuchtete.

Später.
Joe kam zu sich, halbwegs von Schmerzen befreit. Er sah Chas Vater über sich – mit diesem ekelhaften, frommen Lächeln im Gesicht. Er haßte diesen Mann. Und er haßte Chas. Er sah, wie sich Chas hinter seinem Vater vorschob, mit einem Vorschlaghammer in den Händen. Er sah, wie Chas ausholte. Und er spürte durch all den Nebel und durch die Verwirrung, wie ihm der Hammer die Kniescheiben zertrümmerte. Zuerst die rechte, dann die linke.
Chas sah auf Joe hinunter, der lautlos wimmerte. Schaum tropfte von seinen Lippen. Chas grinste: „Der schöne Joe wird zum Wolf. Wer hätte das gedacht?“

Später.
Joe wachte auf – er dachte, er würde aufwachen. Der Schmerz in den Beinen war nicht wirklich schlimm Wenn dies durch einen Schock so war, hoffte Joe, daß der Schock ewig anhalten würde. Aber er war heftig und klopfend genug, um ihn daran zu erinnern, was ihm widerfahren war. Chas, sein Vater, der Fluch wegen der Wölfe. Er fühlte sich fiebrig und er glaubte zu spüren, daß sein ganzer Körper schweißüberströmt war und zitterte. Es war kalt. Kalt wie Sterne.
Über sich sah er Chas Vater. Er hatte ein konisches Rohr aus dünnem Blech in der Hand. Die schmale Seite hatte einen Durchmesser von ungefähr vier Zentimeter, die andere Seite hatte in etwa fünfzehn Zentimeter Durchmesser. Die Kanten waren scharf. Joe mühte sich etwas auf um an sich herabzusehen. Er sah, was mit seinen Beinen geschehen war. Aber er verstand es nicht. Links und rechts an jedem Bein waren Hartholzlatten. Bis hoch zu den Hüften. Er sah die Köpfe von Torbandschrauben aus dem Holz ragen. Auf der Schenkelinnenseite sah er die Flügelmuttern, die die Schrauben festhielten. Die Torbandschrauben gingen quer durch seine Beine.
Das Entsetzen war so kalt wie das Universum. und ebenso umfassend.
Chas Vater drückte Joes Lippen mit Daumen und Zeigefinger auf und sagte leise: „Mach den Mund auf. Das Sprechrohr kommt in deinen Mund. So oder so.“ Joe blinzelte eine Träne weg und versuchte, den Mund etwas weiter aufzumachen. Chas Vater seufzte: „Ach. So geht das nicht, Junge!“ Und rammte den schmalen Teil in den halbgeöffneten Mund. Die Schneidezähne brachen und Joe spürte, wie das Blech der Röhre an den blanken Nerven der zersplitterten Schneidezähne entlang schabte. Der Schmerz war schlimmer als das Feuer an seinen Beinen oder das Bewußtsein, daß er Schrauben quer durch die Beine hatte.

Später.
Es war dunkel. der Mond stand hinter den Wipfeln der alten Bäume. Joe Rankin kam zu sich. Er atmete. Und sein Atem klang metallisch. Als nächstes wurde ihm bewußt, daß er stand. Oder lehnte. Er öffnete die Augen. Links von sich sah er die Kühlerhaube des Pickup. Chas und sein Vater lehnten da, rauchten und beobachteten ihn. Plötzlich hörte er ein markerschütterndes Geheul. Es kam von rechts. Das mußte ein Wolf sein. Es klang wie ein Wolf.
Aber es war Nicholas. Seine Kopfhaut war verbrannt, sein Gesicht war verbrannt. Seine Beine waren ebenso pervers geschient wie seine. Nicholas stakte mit aufgerissenen Augen auf ihn zu und stieß dieses Mark- und Bein erschütternde Heulen aus. Dann sah Joe, daß sie ihm auch die Geschlechtsteile abgeschnitten hatten. In Nicholas Gesicht sah er dasselbe namenlose Grauen wie er es selbst empfand.
Chas Vater stieg in den Wagen und ließ den Motor an. Chas ging zu Joe, strich ihm durchs Haar und sagte leise: „Schrei so laut du kannst. Und bete, daß die Wölfe bald kommen.“ Dann wandte er sich ab und stieg auch in den Wagen. Die Scheinwerfer gingen an. Joe dachte für einen Moment, daß sie ihm eine Spritze gegeben haben mußten. Konnte gar nicht anders sein. Er müßte ohnmächtig sein vor Schmerzen. Er spürte Zahnsplitter im Mund. Er spürte das Schaben des Blechs an den freiliegenden Nerven. Er stieß sich von den Baum ab, an dem sie ihn gelehnt hatten und stakte auf Nicholas zu. Nach und nach begann er zu verstehen, daß er jetzt in einer Situation war, in der der Tod wirklich die reinste Erlösung war.
Ihre Schritte waren unbeholfen, steif. Und bei jedem Schritt rieben die Schrauben an Knochen und Sehnen, an Muskeln und Gewebe. Jeder Atemzug war von Schmerzen und heiseren Schreien begleitet. Und jeder Schrei klang wie das Heulen eines Wolfes.
Sie stakten nebeneinander her und eine Stunde später fanden sie Gus. Er lag nackt und mit zerschmetterten Gliedmaßen in einer Senke; sein Gesicht von Bisamratten zerfressen, die Wangen aufgeschlitzt. das Blechrohr steckte schief im Mund. Hinter seinem Kopf ein ungeduldiges Wuseln von pelzigen Leibern. Ein Fauchen, vielstimmig und böse. Joe starrte seine Freunde an und betete, daß die Wölfe kommen mögen. Bald. Dann begann er zu heulen, so laut er nur konnte.

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