Geschrieben von: gisi (cm117-60.liwest.at, 212.241.117.60) am Dienstag, 19. August 2003, um 14:15
Die Heimfahrt und der zweite Termin
Wie in Trance ging ich zu meinem Auto.
Mein Kopf war leer.
Immer wieder hörte ich in meinen Ohren..."klassischer Fall von ADHS in extremer Ausprägung".
Ich startete die 2.5 stündige Heimfahrt, doch nach einer halben Stunde musste ich auf einem Parkplatz anhalten.
Ich weinte bis ich keine Tränen mehr hatte, dann fuhr ich nach Hause.
Ich war so erschöpft, ich schlief wie ein Toter diese Nacht.
Am nächsten Tag fingen meine Gedanken zu wirbeln an, ich hatte keine Ahnung, wie ich den gestrigen Tag zu Ende gebracht hatte.
Nach einigen Stunden, in denen meine Gedanken schlimmer als jede Achterbahn durch meinen Kopf schossen und ich wieder fürchterliche Kopfschmerzen hatte, beschloss ich nicht mehr darüber nachzudenken.
Noch hatte ich keine Diagnose, der Arzt hatte gesagt, er denke, dass es so wäre.
Vielleicht war es ja doch noch etwas anderes, ich musste einfach die Tests abwarten.
Irgendwie schaffte ich es durch unzählige, zum Teil hysterische Aktivitäten die nächsten zwei Wochen zu überstehen. (ADHS-ler sind Meister der Verdrängung, wenn es darauf ankommt !)
Dann war es soweit.
Ich fuhr zum Termin.
Diesmal hatte ich ausgeschlafen und war relativ ruhig.
Ein Gespräch war für heute nicht geplant.
EEG, EKG, Aufmerksamkeitstests und IQ-Test standen für heute auf dem Programm und auch ein CT (Computertomographie).
Mit diesen Tests konnte ich etwas anfangen, ich kannte sie alle und wusste, dass sie helfen würden die Diagnose zu finden, falls es eine gab.
Auch war ich neugierig.
Ich hatte die Aufmerksamkeits- und IQ-Tests meiner Kinder miterlebt.
Lief das bei Erwachsenen genauso?
Alles lief nach Plan ab, bis zum IQ-Test.
Ich war bereits fertig, als der durchführende Arzt meinte, das könne nicht sein, wir müssten den Test wiederholen.
Nachdem wir ihn zum vierten Mal wiederholt hatten (natürlich nicht jedes Mal denselben Test, sondern ganz verschiedene) wurde ich denn doch etwas unruhig, aber die Tests machten Spaß.
Am späten Nachmittag war ich fast fertig, nur noch Blut abnehmen.
Oh Gott, ich hasste Spritzen.
Aber typisch ich, es war notwendig, also Augen zu und durch.
Natürlich bekam der Arzt meine Spritzenphobie mit und er war besonders vorsichtig.
Ehrlich gesagt, habe ich nicht einmal den Einstich gespürt und war völlig verdattert, als er mir sagte, fertig.
Zwei Wochen später würden wir uns wiedersehen um die Testergebnisse zu besprechen.
Ich war guter Dinge.
Bei den Aufmerksamkeitstests und dem IQ-Test hatte ich, so glaubte ich zumindest, exzellent abgeschnitten, also konnte ich mir fast sicher sein, dass ich doch kein ADHS hatte....alles andere könnte man einfach behandeln und es wäre gut, dachte ich.
Diagnose ja oder nein?
Geschrieben von: gisi (cm117-60.liwest.at, 212.241.117.60) am Dienstag, 19. August 2003, um 14:14
Die Arztsuche und der erste Termin!
Nach endlosen Telefonaten hatte ich wirklich einen Arzt gefunden, der bereit war mich ambulant zu diagnostizieren, ein stationärer Aufenthalt war wegen meiner Kinder nicht möglich.
Der erste Termin rückte näher und ich war super nervös.
Ich hatte Angst.
Offensichtlich stimmte etwas mit mir nicht, meine bisherige Lebensgeschichte sprach Bände.
Doch was wenn es nicht AD(H)S war?
Was wäre, wenn ich einfach nur verrückt wäre?
Was würde passieren?
Würde man mir das Sorgerecht für meine Kinder nehmen?
Ich machte mich selbst vollkommen verrückt!
Meine Gedanken rasten im Kreis, ich konnte keine Nacht mehr durchschlafen.
Dann war der Tag da!
Übermüdet und vollkommen geschlaucht traf ich in der Klinik ein, viel zu früh, aber lieber zu früh, als zu spät.
Ich war so nervös, ich rauchte Kette, meine Hände waren schweißnass und ich konnte absolut nicht 5 Minuten stillsitzen, geschweige denn das Buch lesen, welches ich mir mitgenommen hatte.
Endlich kam der Arzt und er brachte einen Kollegen mit, denn er hätte ihn gerne beim Gespräch dabei, wenn es mir nichts ausmachen würde.
Natürlich stimmte ich zu, ich wollte das endlich hinter mich bringen.
Zu meiner Überraschung begann das Gespräch nicht wie ich es erwartet hatte.
Die Ärzte nahmen es nicht als gegeben hin, dass ich so einfach zur Diagnostik erschien.
Ich musste erst erklären, wie ich auf die Idee kam, dass ich AD(H)S haben könnte.
Stotternd erzählte ich, wie ich zu dem Schluss kam, dass man die Möglichkeit eines AD(H)S bei mir abklären müsse.
Meine Erklärung schien die Ärzte zufrieden zu stellen.
Dann begannen die Fragen, alle habe ich nicht mehr im Kopf, doch einige haben sich mir ins Gedächtnis gebrannt:
- "Erzählen sie uns, wie sie aufgewachsen sind. Hatten sie viele Freunde? Hatten sie Spass im Kindergarten? Was haben sie in ihrer Freizeit vor der Schulzeit gemacht? Erzählen sie uns einfach, woran sie sich erinnern!"
- "Wie erlebten sie ihre Schulzeit?"
- "Hatten sie in der Schule Freunde?"
- "Wie waren ihre Noten? Haben sie Verweise oder Mitteilungen bekommen?"
- "Wie verlief ihre Schullaufbahn?"
- "Weshalb haben sie die Schule 3 Monate vor dem Abitur abgebrochen?"
- "Haben sie eine Ausbildung gemacht? Wie erging es ihnen dabei?"
- "Wann haben sie zu arbeiten begonnen?"
- "In welchem Berufszweig und warum haben sie diesen gewählt?"
- "Wie viele verschiedene Arbeitstellen hatten sie bisher?"
- "Weshalb haben sie die Arbeitsstellen gewechselt?"
- "Wie sahen ihre Freundschaften und Intimbeziehungen aus?"
- "Würden sie sich als sexuell sehr aktiv beschreiben?"
- "Aus welchen Motiven haben sie geheiratet und warum sind ihre Ehen gescheitert?"
- "Wie sah ihr Tagesablauf aus, vor ihrem ersten Kind im Vergleich zu heute?"
- "Ist ihre Wohnung sauber und ihr Haushalt geordnet?"
- "Haben sie feste Zeiten für die Mahlzeiten oder die Hausaufgaben der Kinder?"
- "Wann gehen sie zu Bett? Wie lange schlafen sie, im Schnitt pro Nacht? Schlafen sie durch?"
- "Trinken sie Kaffee, wenn ja, wie viel? Rauchen sie, wenn ja, wie viel?"
- "Wann haben sie Kaffee- und Nikotinkonsum begonnen?"
- "Haben sie Alpträume? Schlafen sie unruhig?"
- "Vergessen sie oft etwas?"
- "Hatten oder haben sie oft Auseinandersetzungen wegen Missverständnissen?"
Das ging unter die Haut!
Ich kannte diese beiden Männer doch gar nicht, auch wenn sie Ärzte waren, waren sie doch Fremde!
Doch für die Diagnose musste ich so ehrlich wie nur möglich antworten, das wusste ich.
Doch in einigen Punkten versuchte ich die Realität etwas zu beschönigen, man musste ja schließlich nicht gleich beim ersten Termin einen Seelenstriptease hinlegen......dachte ich.
Doch Hut ab vor diesen beiden Ärzten, jede Beschönigung haben sie sofort als solche erkannt!
Ich bekam zu hören:
"War es nicht eher so? (wobei mir der Arzt hier genau sagte, wie es wirklich war!)
Entspricht dies wirklich der Wahrheit?
Bitte seien sie aufrichtig und ehrlich, lügen sie uns nicht an!"
Bereits nach einer halben Stunde Gespräch dröhnte mir der Kopf.
Bei einigen Fragen fing ich an zu weinen, nachdem ich ehrlich war.
Mir wurde zwar eine Pause und auch ein Taschentuch angeboten, jedoch nahm ich nur letzteres in Anspruch.
Ich wollte dass ES vorbei war, wollte es nur noch hinter mich bringen.
Nach 1.5 Stunden intensiven Gesprächs war ich nervlich am Ende und in Tränen aufgelöst.
Alle meine negativen Erlebnisse, meine Defizite, die ich so gut zu vertuschen suchte, waren schonungslos aufgedeckt worden. Ich konnte nicht mehr und teilte dies auch den Ärzten mit.
Ich dachte wirklich das war's!
Sie behalten dich da und sperren dich in die "Klapse"!
Ich fühlte mich auf der einen Seite erleichtert, auf der anderen Seite schämte ich mich fürchterlich.
Mein Leben war wahrlich nicht etwas, worauf ich hätte stolz sein können.
Misserfolg reihte sich an Misserfolg. Versagen an Versagen.
Zu meiner Überraschung sperrten mich die Ärzte weder in die "Klapse" noch belächelten sie mich milde (wie es schon oft geschehen war).
Der leitende Arzt teilte mir mit, dass er denke ich hätte noch in vielen Bereichen untertrieben und nach allem was er bisher gehört und gesehen hätte, tendiere er dazu in mir einen klassischen ADS-Fall mit Hyperaktivität zu sehen, noch dazu in extremer Form, doch müssten wir noch einige Gespräche führen und einige Tests machen um auch eventuelle andere Erkrankungen auszuschließen.
Wir vereinbarten einen neuen Termin und ich war entlassen für diesen Tag.
Der zweite Termin
Geschrieben von: gisi (cm117-60.liwest.at, 212.241.117.60) am Dienstag, 19. August 2003, um 14:13
Meine Diagnose
Ich hatte schon lange erahnt, dass ich von AD(H)S betroffen sein könnte, da meine Tochter schon 7 Jahre diagnostiziert war. Ich hatte dementsprechend auch die auf Kinder bezogene Fachliteratur gelesen.
Im Jahr zuvor war mein mittlerer Sohn diagnostiziert worden und ich schätzte mich zu dem Zeitpunkt glücklich, dass wenigstens mein jüngster Sohn nicht betroffen war.
Im Rahmen einer Lese-, Rechtschreibschwächentestung wurde jedoch bei ihm ein ADS ohne Hyperaktivität diagnostiziert.
Auf meine wiederholten Fragen, ob AD(H)S vererbt werden würde, wurde mir immer wieder gesagt, dass dies nicht wissenschaftlich belegt sei.
Welch Ironie!
Wie gesagt, hatte ich schon lange erahnt, dass ich betroffen war, denn ich war meiner Tochter einfach zu ähnlich, täglich erkannte ich mich in ihr wieder.
Auch beim Lesen der Literatur in Bezug auf Kinder hatte ich mich oft selbst wieder gefunden.
Doch das konnte nicht sein!
Ich war nie auffällig gewesen!....oder etwa doch???
In einem längeren Gespräch mit der diagnostizierenden Ärztin meines Jüngsten sagte sie folgenden Satz:
"AD(H)S ist mit großer Wahrscheinlichkeit vererbt. So wie ich sie hier im Gespräch erlebt habe, sollten sie abklären, ob sie betroffen sind und Behandlung benötigen, denn die beste Therapie und die besten Medikamente für ihre Kinder nützen nichts, wenn sie nicht funktionieren! Bitte klären sie ab, ob sie betroffen sind!"
Ich war geschockt.
Sollte ich nun wirklich auf Arztsuche gehen?
Es war schon schwer gewesen Ärzte für die Kinder zu finden, doch für Erwachsene?
Tief in meinem Herzen wusste ich, die Ärztin hatte recht.
Ich hatte auch Fachliteratur aus dem amerikanischen gelesen, welche sich auf Erwachsene bezog und mich dort zu 100% wiedererkannt, doch hatte ich die Bücher schnell zur Seite gelegt und bewusst vergessen.
Jetzt nahm ich sie wieder zur Hand und las sie nochmals durch.
Dort stand mein Leben!
Jeder Bericht eines Betroffenen der dort abgedruckt stand spiegelte Facetten meines Lebens wieder.
Doch konnte ich mich auf mein eigenes Urteil verlassen?
Immer wieder sprach ich mit Bekannten, auch mit solchen aus der Vergangenheit, fragte sie, wie sie mich in Erinnerung hätten, wie sie mich erlebt hätten oder mich immer noch erleben.
Bei diesen Gesprächen wiederholten sich immer wieder dieselben Aussagen:
- "Auf der einen Seite so intelligent, auf der anderen Seite dumm bis zum geht nicht mehr!"
- "Du bist der größte Chaot, den ich kenne!"
- "Du bist immer in Aktion, du kannst nicht einmal still sitzen!"
- "Dir passieren immer die unmöglichsten Sachen!"
- "Ich habe mich immer gewundert, wie du 10 Dinge auf einmal machen kannst."
- "Du fängst so viele Sachen an und bringst nie etwas zu Ende!"
- "Im Kopf hast du es, aber umsetzen kannst du es nicht!"
- "Du musst früher 1000 Schutzengel gehabt haben und die schoben Sonderschichten bei all den Unfällen, welche du hattest!"
- "Was du in einem Jahr erlebst, erleben andere nicht in 5 Jahren!"
- "Du bist immer auf der Überholspur, kannst du nicht mal langsam und geordnet an etwas herangehen?"
- "Ordnung ist ein Fremdwort für dich!"
Ich realisierte, dass es Zeit war einen Arzt zu suchen!