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gisi - 21.02.2004 - 18:25

Betreff: DIAGNOSE und THERAPIE

Geschrieben von: gisi (cm117-60.liwest.at, 212.241.117.60) am Dienstag, 16. September 2003, um 20:38

Interview mit Dr. Christa Schaff
Vorsitzende des deutschen Bundesverbandes der Kinder- und Jugendpsychiater und -psychotherapeuten

Viele Kleinkinder haben Phasen, in denen sie extrem unruhig sind, gerade kleine Kinder können häufig noch nicht stillsitzen, sich nicht konzentrieren. Wann hat man als Eltern Grund beunruhigt zu sein?
Wie Sie schon richtig andeuten, zeigen Kinder in ihrem normalen Entwicklungsprozess immer wieder unterschiedliche Verhaltensweisen, die jeweils von pathologischen Reaktionsformen abgegrenzt werden müssen. Man sollte z.B. den zappelnden Säugling nicht gleich als motorisch hyperaktiv bezeichnen, sondern sich in einem solchen Fall zunächst mit dem Kinderarzt oder anderen Müttern absprechen und fragen, wie das Verhalten des Kindes auf sie wirkt. Das gilt im Falle der motorischen Hyperaktivität auch noch für die 4-6jährigen. Kinder drücken seelische Vorgänge zunächst vor allem über ihren Körper und ihre Motorik aus, sie rennen z.B. herum oder hüpfen in die Höhe, wenn sie sich freuen. Wenn Eltern so etwas schon als pathologisch einstufen, dann ist das einfach zu vorsichtig und zu früh. Der Übergang zwischen den Verhaltensweisen in der normalen Entwicklung und den pathologischen Entwicklungen ist fließend und sollte unbedingt von Fachleuten mitbeurteilt werden. Mir ist wichtig, hervorzuheben, dass für diese Beurteilung Spezialisten der kindlichen und jugendlichen Entwicklung hinzugezogen werden sollten. Viele Ärzte haben sich auch auf diese Problematik spezialisiert, aber man sollte genau prüfen, wer sich auskennt und wer nicht.

Ab welchem Alter lässt sich ein Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom diagnostizieren?
Ein wichtiger Moment in der Entwicklung ist der Kindergarten. Es gibt schon Dreijährige, die auffällig werden, sich z.B. überhaupt nicht in die Gruppe einfügen können, nicht im Stuhlkreis stillsitzen können, plötzlich aufspringen und loslaufen und oft kaum "erreichbar" scheinen. In der Praxis stellt sich in Gesprächen mit den Eltern betroffener Kinder meistens heraus, dass das auffällige Verhalten im Grunde schon von Anfang an da war. Das heißt, hier wurde meistens schon vor der Kindergartenzeit zu Hause deutlich, dass das Kind irgendwie "anders" ist. Das geht manchmal zurück bis in den Bauch...
Das heißt nicht, dass ein anstrengendes Baby bereits "verdächtig" ist. Spätestens wenn auch die Kindergärtnerin feststellt, dass eine Schwierigkeit besteht , ist aber der Punkt erreicht, an dem man aufhorchen sollte.

Welche Symptome sind ausschlaggebend für die Diagnose?
Die „harten Symptome" für das „hyperkinetische Syndrom" sind Hyperaktivität und Impulsivität. Es gibt verschiedene Diagnosekriterien: die im amerikanischen Raum entwickelte DSM4- Diagnose und die im europäischen Raum gültige ICD 10 Diagnose. Man spricht heute häufig nur vom Aufmerksamkeitsdefizit (ADS), und lässt die Hyperaktivität außen vor. Das ist eine Entwicklung, die auf den Kriterien des amerikanischen Diagnosesystems basiert, in dem die Aufmerksamkeitsstörung ganz im Vordergrund steht, während in der ICD 10 Diagnose ausdrücklich noch das hyperkinetische Syndrom benannt wird

Hyperaktivität und Impulsivität sind die ersten Symptome, die auch bei den kleinen Kindern am ehesten zu beobachten sind. Erst gegen Ende der Kindergartenzeit tritt häufig das Aufmerksamkeitsdefizit hinzu.

Es gibt Fachleute, die weiterhin den Typ des „Träumerles" definieren, der hauptsächlich Aufmerksamkeitsstörungen aufweist und keine Hyperaktivität. Diese Einschätzung, ob bei einem vorwiegend aufmerksamkeitsgestörten träumenden Mädchen bereits ein Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom vorliegt oder nicht, ist jedoch ausgesprochen schwierig. In solchen Fällen muss die Diagnose sehr differentiert erfolgen.

Wie wird die Diagnose gestellt, gibt es einen "ADHS-Test"?
Es gibt keinen „Test", der das Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom misst, sondern Kriterien für die Diagnosestellung, die klar festgelegt sind. Wenn man die Manuale liest, die für die ADHS-Diagnose entwickelt wurden, kann man den Eindruck bekommen, dass hier ein Fragenkatalog einfach abgehakt werden kann. Das stimmt aber nicht, sondern derjenige, der die Ergebnisse bewertet, braucht viel Erfahrung.
Bevor die Eltern einen Arzt aufsuchen, sollten sie sich zunächst überlegen, woran sie festmachen, dass ihr Kind aufmerksamkeitsgestört ist. Drei Kriterien sollten zutreffen, die mittlerweile von Fachleuten anerkannt sind: Die Aufmerksamkeitsstörung sollte in mindestens zwei Lebensbereichen aufgetreten sein, also z.B. im Kindergarten und zu Hause. Das Verhalten sollte vor dem sechsten Lebensjahr und über einen längeren Zeitraum - mind. sechs Monate - zu beobachten gewesen sein. Ansonsten ist das Kind vielleicht in bestimmten Situationen aufmerksamkeitsgestört, hat aber nicht unbedingt die Diagnose ADHS. Ein weiteres ganz hartes Kriterium ist auch die Frage, ob es jemanden in der Familie gibt, der so ähnlich ist wie das Kind, da das Syndrom auch einen genetischen Anteil hat.
Wenn also mehrere dieser Kriterien zutreffen, sollte man sich mit dem Kinderarzt absprechen. Dieser verfügt dann über weitere Möglichkeiten, um diese Verdachtsdiagnose zu erhärten. Da gibt es z.B. Fragen, die die Eltern, bzw. die Lehrer oder Kindergärtnerinnen beantworten können. Anhand der Antworten lässt sich einschätzen, ob ein weiterer Fachmann aufgesucht werden sollte. Das kann entweder ein Kinderarzt sein, der sich auf ADHS spezialisiert hat, sollte aber meiner Meinung nach vor allem ein Kinder-und Jugendpsychiater sein.
Kinderärzte haben häufig die Vorstellung, dass sich aus den Erfahrungswerten der Anamnese und den oben genannten drei Symptomen bereits eine Diagnose stellen lässt. Wir glauben eher, das es sich dabei erst einmal um eine weitere Verdachtsdiagnose handelt, aufgrund derer eine genauere Differentialdiagnose erfolgen muss. Bei einer Aufmerksamkeitsstörung kann es sich auch um einen normalen Entwicklungsvorgang handeln, sie kann ein Ergebnis psychischer Störungen sein, z.B. Angststörungen, Depressionen oder manchmal sogar Psychosen, ebenso sollten Kontaktstörungen ausgeschlossen werden, die z.B. im Sinne eines Asperger-Syndroms vorliegen können.
Eine Diagnose sollte daher erst gestellt werden, wenn die differentialdiagnostischen Untersuchungen erfolgt sind. Das bedeutet, dass zunächst der psychische Befund erhoben und die Aufmerksamkeitsstörung genau untersucht werden muss. Es sollte geprüft werden, ob das Kind normal intelligent ist und wie es sich in einer Untersuchung der Leistungsfähigkeit verhält. Verschiedene Tests können weitere Hinweise auf eventuelle Aufmerksamkeitsprobleme geben. Als nächster Schritt sollte in einer neurologischen Untersuchung festgestellt werden, ob das Kind nicht auch motorische Defizite hat. Eine Hypermotorik kann z.B. auch eine Kompensation dafür sein, dass das Kind Schwierigkeiten in der Feinmotorik hat. Weitere Teilleistungsschwächen sollten in der Schulzeit differentialdiagnostisch untersucht werden; so führen Rechtschreib- und Leseschwächen häufig zu einem Aufmerksamkeitsdefizit ohne dass das Kind ein Syndrom entwickelt.

Auf jeden Fall sollte zudem eine organische Untersuchung erfolgen, es sollte u.a. die Schilddrüsenfunktion im Sinne einer Über - oder Unterfunktion geklärt werden, auch das sind Faktoren, die ähnliche Symptome auslösen können. Ganz am Schluss komme ich dann eventuell mit den Eltern zusammen zu der Einschätzung, dass ein Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom vorliegt oder nicht.

Was hat man sich unter dem "multimodalen Therapieansatz" genau vorzustellen?
Die multimodale Therapie setzt an verschiedenen Stellen an. Zunächst arbeitet man mit den Eltern im Sinne von Elternberatung im Umgang mit dem Kind. Zweitens sollte natürlich mit dem Kind gezielt an seinen Schwächen, also möglichen Teilleistungsschwächen, der Motorik, sprachlichen Defiziten, eventuellen Rechtschreib- und Rechenschwächen gearbeitet werden. Bei älteren Kindern und Jugendlichen kann unter Umständen eine Verhaltenstherapie oder eine tiefenpsychologische Psychotherapie sinnvoll sein. Als nächster Schritt sollten unbedingt die Schule und die Erzieher in den therapeutischen Prozess miteinbezogen werden. Erst als letzte Möglichkeit, wenn man mit den ersten Möglichkeiten nicht weiterkommt und das Kind in eine Entwicklung zu kommen droht, in der es seinen vorgegeben Lebenslinien nicht mehr folgen kann, es also z.B. trotz guter Begabung nur die Hauptschulrichtung schafft, dadurch psychosozial gefährdet ist, oder eine Besserung gar nicht in Gang kommen kann, weil die Eltern schon zu demotiviert und resigniert sind, dann muss eine medikamentöse Behandlung in Erwägung gezogen werden. Medikamente können unter Umständen auch gleich zu Anfang einer Therapie sinnvoll sein und sich für einige Kinder als extrem hilfreich erweisen, aber es gibt Ärzte, die sie zu schnell einsetzen. Medikamente sollten flexibel eingesetzt werden und parallel mindestens ein bzw. zwei weitere Behandlungen erfolgen. In meiner Praxis versuche ich mit meinen Patienten auf jeden Fall immer zunächst einen Ansatz ohne Medikamente. Wenn wir ein Medikament einsetzen, setzen wir es in der Regel nach 2/3 Jahren wieder ab, dann hat das Kind häufig durch die parallel erfolgten Maßnahmen genügend Sicherheit erlangt, es auch ohne versuchen zu können.
Wenn Eltern früh genug kommen, kann natürlich eine Medikation eher vermieden werden, als später, wenn bestimmte Verhaltensweisen schon sehr eingefahren sind.

Frau Dr. Schaff steht am 16.09. ab 21.00 Uhr gemeinsam mit Herrn Dr. Oehler zur Verfügung, um Ihre Fragen im Internet zu beantworten

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