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Daywalker - 04.03.2005 - 12:13

Cannabis hilft gegen Schmerzen
Stephan Schleim 04.03.2005

Zulassung in Großbritannien würde europäischen Markt für Cannabismedikamente öffnen

Trotz der bald 5.000-Jährigen Erfahrung mit der heilenden Wirkung von Cannabis (Cannabis sativa; Hanf) ist die Pflanze im 20. Jahrhundert aufgrund ihrer Verwendung als Droge dämonisiert worden. Dabei könnten seine Wirkstoffe vielleicht den vier Millionen in Europa von chronischen Schmerzen Betroffenen helfen. Für Menschen, die an Multipler Sklerose (MS) leiden, könnte die beantragte Zulassung des Cannabissprays Sativex der britischen Firma GW Pharmaceuticals (1) eine Möglichkeit sein, bald legal die lindernde Wirkung der Pflanze zu erhalten. Aber auch für eine Reihe anderer Patientengruppen könnte es sich als hilfreich erweisen, wenn das Cannabismedikament in Großbritannien zugelassen wird.

Die erste dokumentierte Erwähnung von Hanf als Heilpflanze stammt aus dem Jahr 2737 v. Chr. Shen-Nung, der Begründer der chinesischen Kräuterheilkunde, schrieb damals der Pflanze heilende Kräfte zu. Auch in der Antike wusste man von der schmerz- und krampflindernden Wirkung von Cannabis und verwendete ihn zum Beispiel bei Rheuma, Migräne oder Beschwerden im Zusammenhang mit der Regelblutung. Selbst im 19. Jahrhundert noch war Hanf bei uns ein wichtiger Bestandteil vieler Hausapotheken.

Durch die neuen Möglichkeiten der Pharmakologie im 20. Jahrhundert trat jedoch die heilende Wirkung in den Hintergrund und es wurde stark die Möglichkeit zum Drogenmissbrauch hervorgehoben. Immer mehr aktuelle Studien legen jedoch nahe, dass die anschließende Verdammung der Pflanze auch im medizinischen Bereich ein Fehler war, denn wo die modernen Medikamente nicht mehr helfen, könnte Cannabis Abhilfe schaffen.

Schmerzen ohne Ende

Auch wenn uns die moderne Medizin beeindruckende Möglichkeiten zur Krankheitsbekämpfung bietet, bleibt es eine traurige Wahrheit, dass viele Menschen an Schmerzen leiden, für die es kaum Linderung gibt. Chronische Schmerzen können entstehen, wenn bestimmte Neuronen im Gehirn oder dem peripheren Nervensystem hypersensibilisiert werden und unnormal oder verlängert feuern. Das kann zum Beispiel nach Herpeserkrankungen oder Rückenmarksschädigungen passieren oder ein Begleitzustand bei Krebs, MS und der Arthritis-ähnlichen Fibromyalgie sein. Man schätzt (2), dass in Europa etwa vier Millionen Menschen an solchen neuropathischen Schmerzen leiden, die 500.000 an MS-Erkrankten noch nicht mitgerechnet.

Angesichts dieser Zahlen scheint es unverständlich, dass die medizinische Verwendung von Cannabismedikamenten durch bestehende Gesetze erheblich eingeschränkt wird, nachdem immer mehr Studien (3) eine deutliche Linderung belegen. Aber nicht nur bei chronischen Schmerzen, sondern auch bei vielen anderen Krankheitserscheinungen kann Cannabis hilfreich sein. Aufgrund seiner bronchienerweiternden Wirkung kann er zum Beispiel Asthmatikern helfen oder weil er den Augeninnendruck verringert bei Glaukom (grünem Star). Auch AIDS-Kranke, die aufgrund von Appetitlosigkeit und Durchfall fast verhungern, könnten mithilfe von Hanfprodukten neuen Appetit geweckt bekommen.

Weil die positive Wirkung bei vielen Krankheiten schon lange bekannt ist, wird Cannabis sogar unter der Hand von Ärzten empfohlen. Beispielsweise gaben bei einer anonymen Umfrage, die 1990 in den USA unter Onkologen (Tumorspezialisten) durchgeführt wurde, 44% der über 1000 antwortenden Ärzte an, Patienten zur Behandlung starker Übelkeit und Erbrechens Cannabis empfohlen zu haben. Und weil die Pflanze auch Spasmen (Krämpfe) lindert, die bei MS oder nach Rückenmarksschädigungen symptomatisch sind, ist es auch nicht verwunderlich, dass schätzungsweise 10% bis 30% der MS-Patienten in Europa Cannabis rauchen.

Interessanterweise sprach das Amtsgericht Mannheim am 19. Januar einen 41-jährigen MS-Erkrankten frei, der selbst Hanf anbaute und bei dem die hohe Menge von 600 Gramm Cannabis gefunden worden war. Der Mann, der nach eigenen Angaben einen Joint pro Stunde raucht, hatte vor Gericht erklärt, die Droge seit 15 Jahren zur Linderung der Symptome zu verwenden. Die lindernde Funktion seines Drogenkonsums war vor Gericht von einem sachverständigen Neurologen bestätigt (4) worden. Dieser Richterspruch könnte also ein Signal dafür sein, dass die medizinische Nutzung von Hanf wieder gesellschaftlich anerkannt wird.

Wann kommen die Cannabismedikamente?

Wenn es nach der britischen GW Pharmaceuticals ginge, wäre ihr Medikament Sativex schon Ende 2003 in Großbritannien zugelassen worden. Cannabis-basierte Medikamente sind dort aber seit 1968 verboten. Daher haben sich die britischen Behörden zurückhaltend gezeigt und mehr klinische Tests gefordert. Versuche, große amerikanische Pharmazieunternehmen für den US-Markt zu gewinnen, sind vorerst fehlgeschlagen. Wahrscheinlich möchte sich dort niemand an dem heißen Thema die Finger verbrennen, da die Drogenpolitik in den Vereinigten Staaten im Hinblick auf Cannabis wesentlich strenger ist. Dafür hat man aber die deutschstämmige Bayer AG als Partner gewonnen, der die Produktion für den europäischen Markt übernehmen würde.

Jedenfalls hat sich das britische Unternehmen schon auf eine große Nachfrage vorbereitet und die Produktion in seinen befestigten Treibhäusern auf 60 Tonnen pro Jahr erhöht. Sativex, das im Fall der Zulassung wahrscheinlich nur das erste einer Reihe von Cannabismedikamenten wäre, soll zunächst MS-Patienten als verschreibungspflichtiges Medikament zugänglich gemacht werden. Diese könnten sich dann die Hauptbestandteile Tetranabinex (Tetrahydrocannabinol - THC) und Nabidiolex (Cannabidiol - CBD) unter die Zunge sprühen, um Schmerzen und Spasmen zu lindern. Da beim Rauchen von Cannabis krebserregende Stoffe entstehen und die Absorptionsmenge beim Essen variiert, scheint diese Methode für den medizinischen Einsatz die geeignetste zu sein.

Aber auch in Deutschland untersucht man den medizinischen Nutzen von Hanf. Am Institut für Klinische Forschung Berlin (5) etwa ist die Verwendung von Cannabis sativa als Heilpflanze einer der Forschungsschwerpunkte. Seit mehreren Jahren sammelt man hier schon Behandlungsergebnisse im Zusammenhang mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen, chronischen Schmerzen und Multipler Sklerose.

Mit den Cannador genannten oral verabreichten Kapseln, die einen Cannabisextrakt enthalten, hat man kürzlich jedoch mehrdeutige Erfahrungen gemacht. Während die Patienten den Eindruck hatten, das Mittel würde ihnen Helfen, waren die Ergebnisse an einer formalen Skala gemessen nicht besser als die der Kontrollgruppe. Deshalb plant man eine neue Studie, in der den Patientenberichten die größte Bedeutung zukommt. Der erste Ansprechpartner in Deutschland ist aber die Internationale Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (6), die sich in diesem September zur dritten Konferenz im niederländischen Leiden trifft. Auf ihren Seiten findet man einen umfassenderen Überblick zu der Frage, welchen medizinischen Nutzen Cannabis hat.

Kosten-Nutzenabwägung

Es gibt also gute Gründe für die Einführung der Medikamente. Besteht aber die Gefahr, dass eine große Anzahl der Patienten zu Drogenabhängigen würde? Davon ist nicht auszugehen, da Cannabis generell ein geringes Suchtpotential zugeschrieben wird. Hinzu kommt, dass die Zusammensetzung der Medikamente nicht zu den von Haschisch bekannten Rauschzuständen führt. Hierfür sorgt die Mischung von THC, dem psychotrop stärksten Bestandteil der Pflanze, mit CBD, das die psychotrope Wirkung dämpft. Auch werden durch Verabreichung in Form von Sprays, Aerosolen und Kapseln die vom Rauchen bekannten Risiken vermieden.

Interessant ist außerdem, dass unser Körper eigene Cannabinoide erzeugt, die so genannten Endocannabinoide. Dass wir schon von Natur aus dazu ausgestattet sind, mit Rezeptoren auf Immunzellen und im Gehirn auf Cannabinoide zu reagieren, könnte auch erklären, warum die pflanzlichen Cannabinoide, von denen bisher 66 verschiedene identifiziert wurden, so eine vielfältige Wirkung auf uns haben.

Fest steht jedenfalls, dass zumindest MS-Patienten durch die Zulassung von Medikamenten wie Sativex oder Cannador eine Möglichkeit hätten, auf legale und sichere Weise an die schmerz- und symptomlindernde Substanz zu kommen. Bei den Sprays aus der Apotheke müssten sie dann auch keine Angst mehr vor verunreinigten Stoffen von der Straße haben.

Telepolis Artikel-URL:
http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19559/1.html

Copyright © Heise Zeitschriften Verlag

Deep - 04.03.2005 - 14:24


naja..es ist ja schon lange bekannt, das Canabis gegen verschiedene Erkrankungen bzw deren Schmerzen helfen kann, und zwar besser als z.B. eben Morphium oder auch Cortison u.ä. und diese Stoffe eben gehen sehr gegen den Körper, was bei Canabis kaum mal passiert.

Dieses ganze Verbot..obs nun als Medikament oder auch als Rauschmittel ist, ist sowiso lächerlich, und basiert einzig und allein auf Vorurteile und Unwissenheit der Zuständigen.

Daywalker - 08.03.2005 - 07:22

Schaun wir mal ob es so dann doch zur Zulassung kommt - wäre ein erster Schritt ...
Deep - 09.03.2005 - 16:29

stimmt..einfach mal ein Anfang...
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