Die Sterne funkelten in der klaren Nacht und das fahle Licht des Mondes
fiel matt durch das Fenster ein.
Müde, aber um Konzentration bemüht, fasste Kathrin einige Zeitungsartikel zu dem Tod einer berühmten Autorin zusammen und verglich sie, wie es die Aufgabe des Deutschlehrers verlangte. Sie seufzte und überlegte, ob sie nicht diese Arbeit unterbrechen und zu Bett gehen sollte. Morgen war erst Sonntag und sie werde noch viel Zeit haben, diese lästige Schreibarbeit zu erledigen. Nach einigem Nachdenken entschied sie sich dann aber doch anders. Sie müsste es jetzt hinter sich bringen. Morgen werde es sicherlich sonnig, wie es an diesem Tag auch gewesen war,
und sie werde traurig sein, nicht den das verschneite Wetter nutzen zu können, sondern stattdessen Hausaufgaben machen zu müssen, obwohl die dicke Decke des weichen Schnees bei der anhaltenden Kälte der letzten Tage vermuten lies, erhalten zu bleiben...
Ein dumpfer Schlag riss sie aus ihren Gedanken.
Erschrocken fuhr das junge Mädchen von ihren Hausaufgaben auf und versuchte fieberhaft, in der kalten Dunkelheit der winterlichen Nacht etwas zu erkennen, was sie aufgeschreckt haben konnte. Nein - sie war zwar geistesabwesend gewesen, aber in ihrer Wahrnehmung hatte sie sich sicherlich nicht getäuscht - da war ein Geräusch gewesen, aber wo war es hergekommen und was war die Ursache dafür gewesen?
Ängstlich tastete sie nach dem Schalter der Schreibtischlampe und drückte ihn herunter; der kleine Lichtkegel passte sich der Finsternis an und erlosch.
Sie stützte ihre Hände auf die Schreibtischplatte und stieß sich unter Anstrengung von ihr ab, bis ihre Beine dem Befehl ihres Gehirns folgten, sie aufstehen zu lassen. Kathrin nahm sich vor, nachzusehen, was passiert war, und sich unter keinen Umständen durch irgendetwas abschrecken zu lassen.
Sie schlich sich vorsichtig zum Fenster, wo sie das Geräusch wähnte.
Jeder Schritt fiel ihr schwer. Was würde sie dort draußen erwarten?
Kathrin schob die leichte grüne Gardine zurück - sie hatte sie zugezogen, weil sie ursprünglich schon hatte schlafen wollen und sich erst später für ihre Hausaufgaben entschieden hatte - und schluckte hart als ihr bewusst wurde, dass es in ihrem Zimmer trotz gelöschten Lichts und Straßenlaterne noch immer heller war als draußen. Sie biss sich auf die Lippen um ihrer Muskeln Herr zu bleiben und stützte sich erschöpft auf der Fensterbank ab, deren Kälte Kathrin etwas beruhigte.
Trotzdem schossen ihr Tausende von Gedanken durch den Kopf und sie starrte angestrengt in die winterliche Nacht. Sie musste sich eingestehen, dass sie zitterte, nicht vor Kälte, sondern vor Furcht. Ihr Herz machte sich durch heftiges lautes Pochen bemerkbar.
Plötzlich kam mit rasender Geschwindigkeit etwas Dunkles auf sie zu und prallte gegen die Fensterscheibe. Blitzartig zuckte sie vor Schreck einige Zentimeter zurück.
Kathrins Atem stockte und ihre Hände umklammerten noch etwas fester die inzwischen leicht erwärmte Fensterbank, die sie losgelassen hatte, als sie zurückgezuckt war.
Nach einigen Sekunden hatte sie sich so weit von diesem Schrecken erholt, dass ihr Atem wieder etwas ruhiger ging und sie schließlich wieder Mut fasste, einen weiteren scheuen Blick aus dem Fenster zu werfen. Ihr Atem ging zunächst schneller; sein Tempo verringerte sich nur sehr langsam, als sie nach einigen Minuten, die sich ins Ewige zu erstrecken schienen, davon ausgehen konnte, dass nicht mehr passierte. Schließlich war sie wieder in der Lage, klare Gedanken zu fassen.
Was konnte das gewesen sein? Ein Tier?
Wie oft kam es vor, dass ein Vogel gegen eine Fensterscheibe flog!
Gerade jetzt, Ende Januar, wo dort draußen Schnee lag, verloren die Vögel leicht die Orientierung. War es aber auszuschließen, dass es ein Mensch war? Wer? Ein Einbrecher?
Wer würde schon absichtlich die Eigentümer wecken, bevor er in ein Haus einbrach?
Ihre Gedanken schweiften ab und wurden immer absurder, als ihr wiederum etwas entgegenschoss. Damit war für sie die Erklärung mit dem Vogel ausgeschlossen.
Aber wie sollte ein Mensch dazu fähig sein, an einem Fenster im ersten Stock zu klopfen?
Also schied auch das aus. Etwas erleichtert entspannte ein wenig und atmete auf.
Aber eine andere Möglichkeit zur Erklärung dieses Vorfalls gab es nicht... oder?
Bei diesen Gedanken wuchs wieder die Unruhe in ihr. Sie glaubte zwar nicht an irgendetwas anders, es musste eine natürliche Erklärung geben - aber welche? Vielleicht Schnee, der vom Dach gerutscht war und kleine Lawinen ausgelöst hatte?
Erschöpft beschloss das junge Mädchen, sich ins Wohnzimmer zu setzen,
wo sie darauf hoffen konnte, dass kein Fenster attackiert werde. Es lag im Erdgeschoss und was auch immer da gegen ihr Fenster flog, dort würde es sie nicht beunruhigen können.
Leise und so schnell wie möglich huschte sie, die weichen Ärmel ihres blauen Schlafanzugs fest umklammernd, die Treppe herunter und über den Flur zu der verglasten Wohnzimmertür.
Weg - nur weg von diesem Ort, wo sie nicht begriff, was überhaupt passierte.
Leise betrat sie den dunklen Raum und machte das Licht an. Nun ließ sie sich bequem in einem der weichen Ledersessel einsinken und wollte fernsehen, um sich endlich abzulenken, was ihr bisher trotz aller Bemühungen dort oben in ihrem Zimmer nicht gelungen war.
Dieses Klopfen war nun weit weg... aber sicherlich immer noch da...
Sie lachte leise: Eigentlich war es kindisch, dass sie Angst vor Einbrechern hatte.
Es gab zwar keine Alarmanlage in der Gestalt, dass eine laute Sirene aufheulte, falls etwas passieren sollte, aber immerhin ließ der Bewegungsmelder das Licht vor der Haustür aufleuchten. Außerdem war sie ja nicht wirklich allein, obwohl sie sich in diesem Augenblick so fühlte. Ihre Eltern schliefen im Dachgeschoss, zu ihnen würde sie gehen können, falls die Angst zu groß werde. Aber das würde nicht nötig werden! Eher würde sie bei ihrem großen Bruder Zuflucht suchen. Da dieser im ersten Stock im Zimmer neben ihrem sicher aber bereits schlief, beschloss sie, ihn nicht zu stören.
Sie versuchte, selbstsicher zu grinsen, doch das beendete nicht ihr Zittern und sah auch sicherlich lächerlich aus, sollte jemand sie so sehen. Die eigenartig verzogenen Mundwinkel ließen das Grinsen wahrscheinlich eher einem Schmollmund ähneln, wie ihn die Popstars machten, wenn sie besonders sexy aussehen wollten, nur sah es wohl weniger hübsch aus.
Sie schob den bequemen Sessel in eine Position, aus der es angenehm war, auf den Bildschirm des Fernsehers zu schauen. Suchend sah sie sich nach der Fernbedienung um.
Das Mädchen hatte diese noch nicht gefunden, als plötzlich ein leises Klopfen an der großen Glasscheibe der Schiebetür Kathrin ihren soeben erst gefassten Gedanken vergessen ließ.
Sie huschte zum Schalter und löschte das Licht, um Spiegelungen auf der Glasscheibe zu verhindern und diesmal die Chance zu nutzen, das fremde Gegenüber zu mustern.
Aber das war trotzdem noch nicht möglich. Wie konnte es ihr gelingen, herauszufinden, mit wem sie es zu tun hatte? Doch noch während sich dieser Gedanke in ihrem Gehirn formte, wurde diese Tätigkeit gestört.
„Kathrin... mach auf!“ Sie erkannte die Stimme wieder und ihr Mund öffnete sich langsam, ohne dass sie jeglichen Einfluss darauf hatte. Diese Stimme...
„Florian...“ Sie war nur zu einem brüchigen Flüsterton imstande und bewegte nur die Lippen.
Nachdem sie sich aus ihrer anfänglichen Starre gelöst hatte, drehte sie mühevoll und kraftlos den Hebel nach oben und schob langsam die Tür zur Seite hin auf. Diesmal rührte ihre geringe Geschwindigkeit nicht von einem Gefühl der Angst her, das auf ihr lag,
sondern von der Unfassbarkeit des Erlebten und ihrer unendlichen Müdigkeit.
Allein schon durch diese Tätigkeit erschöpft taumelte sie zurück, ihr Fall wurde durch die tapezierte Wand hart gebremst. Ihre weit aufgerissenen Augen waren vor Aufregung tränenbenetzt.
Wie erstarrt lehnte sie an der Wand, als ihr zwei Jahre älterer Bruder endlich das Wort ergriff und die drückende Stille durchbrach. Die natürliche Ruhe in seiner Stimme färbte ein wenig auf seine Schwester ab. Sie wischte sich verstohlen die Tränen aus den Augen; er sollte es nicht sehen. „Ich hatte vorhin meinen Schlüssel vergessen, aber wenn ich Mama und Papa geweckt hätte, wären sie sauer geworden, weil es schon so spät ist. Ich hätte schon längst zu Hause sein müssen.“ Er brach seine Erklärung ab und sprach nach kurzer Pause die Frage aus, die ihm durch den Kopf ging. „Warum hast du eigentlich nicht aufgemacht?“ Er rieb sich die vor Kälte geröteten Hände. Kathrin fragte sich, warum er keine Handschuhe anhatte. Sicher hatte die Kälte draußen ihm wehgetan, und sicher tat das die Gewöhnung an die Wärme hier drinnen auch. Schuldbewusst sah das Mädchen zu Boden, starrte nachdenklich die graugesprenkelten Fliesen an, und suchte angestrengt nach Worten. Sie zögerte. „Na ja... also...“ Kathrin seufzte. Er registrierte, wie schwer es ihr fiel, die Antwort auszusprechen und wollte ihr die Rechtfertigung ersparen. „Schon gut.“ „Da ist immer was gegen mein Fenster geflogen und ich dachte, da wollte irgendwas rein.“ Gestand sie dann gedankenverloren und mit leicht brüchiger Stimme.
Er klopfte seiner Schwester auf die Schulter. „Wollte ja auch.“ Sagte er in einem Tonfall, aus dem man das verschmitzte Grinsen förmlich heraushören konnte. Sie schaute verwundert an ihm hoch, doch er blieb ihr den Rest der Erklärung schuldig. Sein Gesichtsausdruck allerdings sah genauso aus, wie Kathrin ihn sich vorgestellt hatte.
Um die gespannte Situation zu entschärfen, wechselte er nun geschickt das Thema.
„Ah ja... hab ich dich geweckt?“ Er meinte, die Antwort bereits zu kennen und ließ die Kleine nicht zu Wort kommen. „Tut mir Leid.“ Er hatte bereits entschuldigend die langen Arme um seine Schwester geschlungen, als diese durch seine Jacke verlegen erwidern konnte:
„Nein... nein, hast du nicht... Ich hab noch Deutsch gemacht.“
Er trat einen Schritt zurück und sah sie verwirrt an, doch Kathrin meinte, darin auch leichte Belustigung erkennen zu können. „Hausaufgaben? Es ist Samstag.“ Fiel Florian ihr ins Wort. Seine durch den von der Raumwärme geschmolzenen Schnee vollkommen durchnässte schwarze Jacke schillerte im Mondlicht leicht reflektierend.
„Na ja, wir haben eine Menge auf.“
Er strich ihr durch das lange blonde Haar. Eine Weile war es still.
Wasser rann von seiner Jacke herab und tropfte zu Boden auf die Fliesen, die durch die Fußbodenheizung erwärmt waren.
„Kathi?“ Fragend sah die Angesprochene zu dem Jungen hoch, der um einiges größer war als sie. „...erzähl das Mama und Papa nicht, ja?“ Lachend klopfte sie ihrem Bruder auf den Rücken. Sie hätte ihm gerne auf die Schulter geklopft, doch dort kam sie aufgrund ihrer Körpergröße nicht an - er hätte dazu sitzen müssen.
„Blödsinn, das bleibt unter uns - versprochen.“
Nicht nur Florian atmete auf. So würde wenigstens nicht ans Licht kommen, dass sie so große Angst gehabt hatte. Sicherlich würde man sie dafür auslachen. Aber eigentlich war es ja auch lustig. Zumindest jetzt, wo die Angst verflogen und das Rätsel gelöst war, konnte sie das Erlebte bereits belächeln. Florians tiefblauen Augen leuchteten förmlich, als er nun lächelte und ihr mit der Hand sanft über den Rücken strich. „Danke.“ Verlegenheitspause.
Als Florian die Sprache wiederfand änderte sich sein Tonfall plötzlich.
„Jetzt aber ab ins Bett.“ „Och Flo...“ Sie wollte darum betteln, dass es ihr erlaubte, noch länger wach zu bleiben, vielleicht würde er ja zustimmen, anders als ihre Eltern, doch er hielt sie mit einer ruhegebietenden Geste davon ab. Sie verstummte und zog eine mitleidserregende Mine. Er allerdings blieb hart. „Keine Widerrede. Deutschhausaufgaben werden morgen gemacht... Du schläfst ja fast im Stehen ein.“ Stellte er fest.
Sie sah ihn mit einem Blick an, der eine Mischung aus Traurigkeit und Enttäuschung ausdrückte, befolgte jedoch die Aufforderung und schlich in ihr Zimmer. Seltsam, dass sie ihm gehorchte, dachte sie noch, schließlich wurde er selbst erst in einem Vierteljahr 18. Allerdings war sie so wie so müde, sie hatte nur keine Lust, schon schlafen zu gehen. Sie zog die Gardine wieder richtig hin, denn die hing nicht senkrecht herunter, wie es gehörte, sondern stand mit dem Metallband, was darin eingearbeitet war, auf der Fensterbank. Anscheinend hatte sie die Gardine nicht richtig wieder vorgezogen, nachdem sie aus dem Fenster gestarrt hatte. Sicher war das in der Aufregung passiert, die dieses... Etwas... - was es auch immer gewesen war -... in ihr ausgelöst hatte. Sie schlich über den weichen Teppich wieder zurück, auf ihr Bett zu. Übermüdet fiel sie endlich ungebremst auf die ersehnte Matratze und das dicke Kopfkissen.
Es würde nichts passieren, und selbst wenn... sie wusste, dass sie nicht allein war. Jetzt war ja Florian da. Ihm würde es nichts ausmachen, wenn sie ihn weckte und er würde ihr auch sicherlich sofort helfen. Kathrin würde zu ihm gehen, wenn dieses... Etwas... wieder gegen ihr Fenster sprang oder flog oder was auch immer es tat... zumindest: Wenn es wieder an ihrem Fenster pochen sollte.
Noch während sie sich wieder in ihre weiche Decke kuschelte, stand Florian vor ihrem Bett. Sie hob den Kopf und sah ihn fragend an. Dabei versuchte Kathrin, ihre Erleichterung darüber, dass er bei ihr war zu verbergen, so gut es ihr möglich war. Sie versuchte möglichst genervt zu klingen und genervt zu gucken.
„Was willst du denn noch? Willst Du jetzt deine arme, kleine, hilflose Schwester ins Bett bringen?“ scherzte sie und grinste übertrieben breit.
Seltsam, wie einfach das ging, wenn man sich erst einmal gefangen hatte.
Doch Florian beachtete sie gar nicht, schien sie gar nicht zu bemerken.
Er zog nur stumm die Gardine zurück und griff durch das offene Fenster heraus. Kathrin fragte sich, ob ihr Bruder nun nicht fror. Er hatte schließlich keine Jacke mehr an und stand nun im eiskalten Luftzug des offenen Fensters.
„Was machst du?“ Irritiert setzte sie sich auf und sah dem im Schnee wühlenden Jungen gespannt zu. Einige Minuten vergingen - es konnten auch Sekunden gewesen sein, Kathrin hatte vollkommen das Zeitgefühl verloren, sie wusste auch nicht, wie spät es war - ohne dass etwas geschah. Schließlich hielt die Kleine das Warten und die Stille nicht mehr aus. „Was machst du denn da???“ wiederholte sie und fügte ein „Was soll das werden?“ hinzu, was schließlich sinngemäß das Gleiche bedeutete und sie keine großartige Lust dazu verspürte, sich wörtlich zu wiederholen. Sie kämpfte weiterhin gegen das Unbehagen an, was von ihr Besitz ergriffen hatte und auch die Müdigkeit machte ihr sehr zu Schaffen.
Was auch immer er getan hatte, Florians zufriedenes „Aha.“ signalisierte, dass er Erfolg bei seinem Unternehmen gehabt haben musste.
Kurz darauf präsentierte er feierlich in seinen Händen - seine schwarzen Handschuhe. Vollkommen durcheinander starrte Kathrin abwechselnd auf ihn und die Gegenstände in seinen Händen. Nur langsam verflog diese Fassungslosigkeit aus ihrer Mimik und sie verformte sich zu einem erst vorsichtigen, dann haltlosen lächeln.
Nachdem sie sich eine Weile wortlos angegrinst und sich danach eine gute Nacht gewünscht hatten, verließ Florian das Zimmer und seine Schwester kuschelte sich wieder ins Bett. Kaum hatte ihr Rücken die weiche Matratze berührt, war sie aus Übermüdung bereits eingeschlafen und als Florian später seinen Kopf durch den Türspalt steckte, lauschte er dem ruhigen Atem des Mädchens. Seine lächelnden Augen, die sich schon lange an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnten die Umrisse der karierten Bettdecke erkennen, die sich stetig hob und senkte.
Ende