Geschrieben von: gisi (cm117-60.liwest.at, 212.241.117.60) am Dienstag, 19. August 2003, um 14:17
Depression? Weshalb? Wie geht es weiter?
Die Tests hatten ergeben, dass ich mit einem überdurchschnittlich hohen IQ gesegnet war.
Gesegnet?
Welch Ironie!
Ich haderte mit meinem Schicksal.
Wenn doch nur irgendjemand in meiner Vergangenheit, in meiner Jugend etwas unternommen hätte, um mich zu unterstützen, zu fördern, oder mich zu einem Arzt geschickt hätte.
Wie anders wäre mein Leben verlaufen?
Doch ich hatte nur zu hören bekommen:
- "Das kannst du sowieso nicht!"
- "Das fängst du doch nur wieder an und machst es nicht fertig!"
- "Du bist nur zu faul!"
- "Du kannst doch, wenn du nur willst, aber du willst ja nicht!"
Immer wieder hatte ich es versucht!
Ich wollte den Leistungen gerecht werden!
Immer wieder hatte ich versagt!
Lange Zeit hatte ich allen möglichen Dingen ( oder Leuten) die Schuld für mein Versagen zugeschrieben.
Ich war ja schließlich nicht dumm, auch wenn einige das immer wieder behaupteten.
Doch geschafft hatte ich es nie.
Selbst jetzt noch mit 34 Jahren wurde ich den mir gestellten Anforderungen nur zum Teil gerecht, selbst mit Medikamenten schaffte ich es nicht!
Im Laufe der Zeit hatte ich resigniert.
Bestimmten Aufgaben ging ich aus dem Weg....das konnte ich eh nicht!
In meinem Kopf hatte sich festgesetzt, dass ich ein Versager war, der nie etwas zustande bringen würde.
Was ich auch anfing, es würde unweigerlich in einer Katastrophe enden!
Mit der Diagnose ADHS und meinem Wissen, dass ich mir über diese Krankheit angeeignet hatte, im Rahmen der Behandlung meiner Kinder, hatte ich es gewagt wieder Hoffnung zu schöpfen aus meinem vermurksten Leben doch noch etwas zu machen!
Alte Träume, Wünsche, Hoffnungen waren wieder lebendig geworden.
Ich war kein Versager, ich wollte es allen beweisen.
Ich wollte allen zeigen, was in mir steckte.
Irgendwann würden alle, die mich in der Vergangenheit verletzt und niedergemacht hatten einsehen, dass sie mir unrecht taten. Ich würde es ihnen beweisen!
Doch es klappte nicht.
Auch nicht mit dem Medikament!
Ich bedrängte meinen Arzt mir Ritalin zu verschreiben, vielleicht lag es ja nur am Medikament und wenn ich das Richtige in der richtigen Dosierung bekäme würde es klappen.
Der Arzt stimmte zu, denn er erkannte, dass meine Hauptproblematik in ADHS begründet lag und ich spezifisch behandelt werden müsste, auch lagen bei mir keine komorbiden Störungen vor (außer einem ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex) welche von einer Ritalineinnahme absehen ließen.
Meine erste Ritalin!
WOW!
Die Wirkung war bombastisch!
Das Tollste daran war, ich merkte es selbst!
Ich erledigte alle Arbeiten, welche ich mir für diesen Tag vorgenommen hatte und sogar noch etwas zusätzlich!
Ich konnte mir meinen Tag einteilen, strukturieren!
Als ein Problem auftrat blieb ich ruhig und ging Schritt für Schritt vor um es zu lösen und es klappte!
Sogar meine Kinder lobten mich und meinten: "Mama mit Rita bist du viel besser drauf und es ist viel schöner!"
Ich fing tatsächlich an mein Leben Schritt für Schritt zu ordnen.
Erst jetzt erkannte ich, welches Chaos sich angesammelt hatte.
Ich verstand selbst nicht, wie das alles hatte passieren können.
Wieder war ich am Verzweifeln.
Wie sollte ich das Alles in den Griff kriegen?
Das würde Jahre dauern!
Ich begab mich in Therapie (Gesprächstherapie, etwas anderes stand nicht zur Verfügung).
Dort stellte sich sehr schnell heraus, dass ich vom Verstand her genau sah, wo die Probleme lagen, dass ich auch klar erkannte, wie ich sie lösen könnte, dass es jedoch immer noch an der Umsetzung mangelte.
Doch warum mangelte es noch an der Umsetzung, ich nahm doch mein Ritalin und dennoch klappte es wieder nicht.
Wir veränderten die Dosierung, damit mein Tag abgedeckt war und ich keine Rebounds mehr hatte.
Das brachte eine kurzfristige Verbesserung, doch nicht für lange.
In den Gesprächen mit dem Therapeuten kamen wir schließlich der Sache auf den Grund!
Zum einen lag es an meinem Umfeld, welches schlichtweg mich unter dem Einfluss des Medikaments nicht akzeptierte.
Das waren die Menschen um mich herum nicht gewohnt, dass ich Probleme eigenständig löste, dass ich niemanden brauchte, welcher mir sagte, wo es lang ging.
Es wurde nicht akzeptiert, dass ich meine eigene Meinung in Bezug auf mein Leben vertrat (vorher hatte ich mich sehr oft beeinflussen lassen).
Es wurde nicht akzeptiert, dass ich anders reagierte in bestimmten Situationen.
Ich musste sogar teilweise den ADHS-ler spielen, um ernst genommen zu werden und das Gewünschte zu erreichen!
Das war paradox!
Zum anderen lag es an mir selbst.
Wie das?
Ganz einfach!
Ich hatte im Laufe meines Lebens bestimmte Verhaltensmuster entweder nie erlernt oder falsch gelernt, um dadurch meine Defizite zu vertuschen.
Um z.B. meine mangelnde Zeiteinschätzung zu vertuschen hatte ich es mir selbst antrainiert prinzipiell zu Terminen viel zu früh zu erscheinen.
Auch hatte ich exzellente Verdrängungsmechanismen entwickelt, wenn es um Probleme ging.
Um das Chaos meiner Gedanken zu verbergen hatte ich es mir angewöhnt andere mit Argumenten zu erschlagen und im wahrsten Sinne des Wortes tot zu reden.
Um das Chaos in meiner Wohnung zu verbergen hatte ich niemand mehr eingeladen.
Wenn jemand mich um etwas bat, hatte ich ernsthafte Probleme nein zu sagen, lieber ließ ich alles andere im persönlichen Bereich liegen und kümmerte mich um das Problem der anderen.
Mein Gerechtigkeitssinn ließ mich immer wieder aufbegehren, wenn es sich um andere handelte, nicht jedoch für mich selbst.
Mich selbst, meine Gefühle, hatte ich abgeschottet.
Zu oft war ich verletzt und erniedrigt worden.
Lieber zog ich mich zurück als mich mit meinen Emotionen in Zusammenhang mit einer Person oder einer Situation auseinander zu setzen, denn dann hätte ich mich öffnen müssen und wäre der Gefahr neuer Verletzungen ausgesetzt gewesen.
Viele alte Wunden in meiner Seele gären bis heute und sind noch lange nicht verheilt.
Immer wieder gibt es Menschen oder Situationen, die diese alten Wunden wieder aufreißen, meist ohne es zu wissen.
Was bedeutete die Diagnose für mich?